Arbeit in Europa

Die Krise der Pflege ist auch eine demografische Krise

Sozialer Dialog

Die Krise der Pflege ist auch eine demografische Krise

EU-Projekt "Alternde Belegschaften in Krankenhäusern" abgeschlossen

Teilnehmerinnen vor dem Veranstaltungshotel ver.di Teilnehmer/innen des ABiK-Projektes, Lüneburg 2015

Die weltweite Krise der Finanzierung, Personalausstattung und Überlastung der Krankenpflege hat auch eine demografische Komponente. Mit steigendem Alter fällt es Pflegepersonen zunehmend schwerer die wachsende Arbeitsverdichtung auszuhalten. Die emotionalen und körperlichen Belastungen zwingen viele Kollegen und Kolleginnen ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder gar vor Eintritt des Rentenalters den Beruf zu verlassen. Dabei brauchen sie das Einkommen und auch in der Pflege wird die Erfahrung der älteren Beschäftigten benötigt.

Vor diesem Hintergrund haben die europäischen Sozialpartner, namentlich die im EGÖD organisierten Gewerkschaften und die Arbeitgebervertreter von HOSPEEM, im Rahmen des Projektes „Alternde Belegschaften in Krankenhäusern“ diskutiert. Das Projekt wurde von der EU über ein Jahr lang gefördert und beteiligt waren Vertreterinnen und Vertreter aus Ungarn, Serbien, den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland. Auf den Treffen, unter anderem in Hannover, Belgrad, London, und einer Abschlussveranstaltung im beschaulichen Lüneburg wurden verschiedene Dimensionen des Problems erörtert. Experten stellten den aktuellen Stand der Diskussionen um die Themen Work-Life-Learn-Balance und Gesunde Führung vor. Diese Themen wurden von gewerkschaftlicher Seite um die Darstellung existierender tariflicher Regelungen erweitert, wie zum Beispiel den Tarifvertrag zu alternsgerechter Arbeitszeitgestaltung der Uniklinika in Baden-Württemberg. Ergebnis dieser Diskussionen war, dass es erstens um eine Verbesserung des Arbeitsschutzes gehen muss, wie sie z.B. in der Vereinbarung zu Nadelstichverletzungen zum Ausdruck kommt. Zweitens kommt eine zukunftsorientierte Personalentwicklung nicht ohne Konzepte des „lebensphasengerechten Arbeitens“ oder „Gesunde Führung“ aus.

Die Teilnahme osteuropäischer Gewerkschaften am Projekt zeigte zudem die Probleme, die aus der Abwanderung jüngerer Arbeitskräfte, dem niedrigen Gehaltsniveau aber auch niedrigen Altersrenten in diesen Ländern resultieren. Diese Trends verschärfen die EU-weiten Probleme des Krankenhauspersonals. Sie führen zu hohem Druck auf die verbliebenen Beschäftigten, Lösungen zu akzeptieren, die wenig Rücksicht auf tarifliche oder gesetzliche Standards nehmen. Durchgängig waren sich die Projektbeteiligten jedoch über mögliche Forderungen und Instrumente für die Zukunft einig: Grundvoraussetzung für das Gelingen der Konzepte sind partnerschaftliche Arbeitsbeziehungen, sozialer Dialog und Mitbestimmung und die Anerkennung der Bedeutung mehrgenerationeller Belegschaften. Auf dieser Basis ist es dann möglich demografische Profile der Betriebe zu erarbeiten, ein wirksames Alternsmanagement durch Weiterbildung und Schulung von Beschäftigten und Führungspersonal zu entwickeln und umzusetzen und die Beschäftigten durch psychosoziale und lebensphasenbegleitende Beratung, die Verbesserung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes und die Verbesserung der Arbeitsorganisation und der Schichtarbeit zu unterstützen. Den Sozialpartnern EGÖD und HOSPEEM hat das Projekt empfohlen, ihr Gewicht für die Durchsetzung nachhaltig finanzierter Gesundheitssysteme und für die Durchsetzung wirksamer und obligatorischer Personalschlüssel auf nationaler Ebene zu nutzen.

Was bleibt? Sicher, bei EU-Projekten sind kaum schnelle, für alle greifbare Ergebnisse zu erwarten. Aber der Austausch mit Gewerkschaftern und Gewerkschafterinnen aus anderen Ländern öffnet unseren Horizont für andere Probleme, für solidarische Reaktionen und zeigt, dass unsere Schwierigkeiten an manchen Stellen grenzübergreifend gelöst werden müssen. Den dafür erforderlichen langen Atem sollten wir uns als ver.di leisten, denn nur so können wir eine wirksame Antwort geben. Die vollständigen Projektergebnisse können hier abgefragt werden: lars.stubbe@connexx-av.de

Kontakt

  • Dr. Margret Steffen

    Ge­sund­heits­po­li­ti­k. The­menschwer­punk­te: EU-­Po­li­ti­k, Be­rufs­ge­nos­sen­schaft Ge­sund­heits­dienst und Wohl­fahrts­pfle­ge

    030/6956-1811