Paracelsus

Gleiche Arbeit – gleicher Lohn

Paracelsus

"Ein Kraftakt"

Nach jahrelangen Verhandlungen hat ver.di beim Klinikbetreiber Paracelsus einen einheitlichen Tarifvertrag erreicht, in den auch die Reha-Einrichtungen einbezogen sind. Ein Gespräch mit ver.di-Verhandlungsführer Sven Bergelin.

Seit Dezember 2014 hat ver.di mit dem Paracelsus-Management über einen einheitlichen Entgelttarifvertrag verhandelt. Jetzt liegt ein Ergebnis vor. Warum hat das so lange gedauert?

Die Ausgangslage war sehr kompliziert. Für die gut 5.000 Beschäftigten bestehen bislang 38 verschiedene Entgeltregelungen. Manche erhalten für dieselbe Tätigkeit 40 Prozent weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen an anderen Standorten. Das zusammenzuführen war ein Kraftakt. Ich bin froh, dass das gelungen ist. Endlich gilt das Prinzip »gleiche Arbeit – gleicher Lohn« auch bei Paracelsus. Das wichtigste: Der Tarifvertrag gilt ohne Abstriche in den zehn Reha-Kliniken. Diese hatten zuvor überhaupt keine Tarifbindung.

Andere Reha-Betreiber wie der Marktführer Median versuchen gerade, sich der Tarifbindung zu entziehen. Bei Paracelsus läuft es nun umgekehrt.

In der Tat. Das Beispiel Paracelsus zeigt, dass es auch anders geht. Gute Tarifverträge sind auch im Reha-Bereich möglich. Das ist ein wichtiges Signal für die Branche. Grundlage dafür ist der gute Organisationsgrad in vielen Reha-Kliniken von Paracelsus. ver.di ist dort ebenso aktionsfähig wie in den Akut-Kliniken. Das hat sich im Ergebnis niedergeschlagen. Entscheidend war zudem die Solidarität in der Tarifkommission. Die Paracelsus-Spitze hat immer wieder versucht, den Reha-Bereich abzukoppeln. Das haben die Kolleginnen und Kollegen der Akut- und Reha-Kliniken gemeinsam abgewehrt. Hut ab!

Portrait Sven Bergelin ver.di Sven Bergelin

Mussten die Belegschaften der Akut-Kliniken deshalb Abstriche machen?

Auch dort profitiert die große Mehrheit vom Tarifabschluss. 70 Prozent der Beschäftigten in den Akut-Kliniken stehen mit dem neuen Entgeltsystem besser da als vorher. In den Reha-Einrichtungen sind es 82 Prozent. Uns war aber wichtig, die Besitzstände soweit wie möglich zu sichern und zu dynamisieren. Das heißt: Wir wollten unbedingt verhindern, dass ein Teil der Kolleginnen und Kollegen bei künftigen Tarifrunden außen vor bleibt, weil Lohnerhöhungen auf den Besitzstand angerechnet werden. Der Kompromiss sieht vor, dass die individuelle Besitzstandszulage – die das bisherige Entgelt garantiert – in den nächsten drei Jahren teilweise dynamisiert ist. Soll heißen: Tariferhöhungen schlagen sich auch in der Zulage nieder. Ab dem vierten Jahr werden Lohnerhöhungen zum Teil angerechnet, ab dem elften Jahr vollständig. Wir konnten also erreichen, dass auch diejenigen, die heute besser verdienen, bei Tariferhöhungen auf Jahre hinaus mit von der Partie sind.

Welche Kröten musste ver.di schlucken?

Der größte Brocken, den wir verdauen mussten, ist die Absenkung des Weihnachtsgelds von 75 auf 55 Prozent eines monatlichen Durchschnittslohns. Das entspricht einer jährlichen Einbuße von 1,6 Prozent. Allein in 2017 steigen die Entgelte aber um 4,5 Prozent – insgesamt also ein deutliches Plus. Dennoch ist uns die Kürzung des Weihnachtsgeldes nicht leicht gefallen. Wir meinen aber: Dass wir endlich ein einheitliches Entgeltsystem bei Paracelsus haben, ist es wert, diesen Preis zu zahlen. Insbesondere in den Reha-Kliniken, die bisher keine Entgelttarifverträge hatten, dürften jetzt die Sektkorken knallen.

Warum sind die einheitlichen Regelungen so wichtig?

Das bisherige Durcheinander konnte niemand mehr durchschauen. Nicht nur für die Beschäftigten, auch für die Betriebsräte war die Bezahlung kaum nachvollziehbar. Wenn die Menschen aber nicht genau wissen, was ihnen zusteht, können sie ihre Rechte auch nicht einfordern – und im Zweifelsfall einklagen. Die nun erreichte Transparenz und Einheitlichkeit ist auch in anderer Hinsicht wichtig: Für alle Beschäftigten der Paracelsus-Kliniken gelten jetzt dieselben Bedingungen. Das macht es einfacher, sie in Zukunft gemeinsam für tarifliche Verbesserungen zu mobilisieren.

Welche Besonderheiten beinhaltet der Tarifabschluss noch?

ver.di-Mitglieder bekommen während der Vertragslaufzeit bis Ende Juni 2018 vier zusätzliche freie Tage. Positiv ist auch, dass wir das Urlaubsgeld auf einheitlich 300 Euro anheben konnten – für viele eine deutliche Verbesserung. Übrigens gilt der ver.di-Tarifvertrag bei Paracelsus auch für Ärztinnen und Ärzte.

Alles in allem also ein gutes Ergebnis.

Auf jeden Fall. Das ist ein großer Erfolg, der auf der Kampfbereitschaft der Kolleginnen und Kollegen beruht. So haben am 8. März 2016 in 23 der 25 Kliniken Protestaktionen stattgefunden. Das hat das Management sichtlich beeindruckt und die Verhandlungen beschleunigt. Die Geschäftsführung hatte Angst vor einem Arbeitskampf und drei, vier Mal waren wir auch kurz davor. Dass die Beschäftigten dazu bereit waren, hat diese Einigung erst möglich gemacht.

Interview: Daniel Behruzi