AWO

Zerklüftete Landschaft

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Zerklüftete Landschaft

212.000 Menschen arbeiten in den über 13.000 Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Doch das zu ganz unterschiedlichen Bedingungen. Mancherorts bestehen Anwendungstarifverträge zum Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD). Anderswo gelten ganz eigene Regelungen. Und in vielen Betrieben gibt es überhaupt keine Tarifverträge. Wie sich das ändern lässt, war Thema einer Tarifpolitischen Konferenz am 6./7. März 2017 in Berlin.

AWO-Tarifkonferenz in Berlin. 6.-7. März 2017 Blick in den Raum Michaela Ruhfus AWO-Tarifkonferenz in Berlin. 6.-7. März 2017

»Seit der Kündigung des Bundestarifvertrags bei der AWO 2004 haben wir eine absolut zersplitterte, heterogene Tariflandschaft«, stellte Axel Weinsberg, Tarifsekretär in der ver.di-Bundesverwaltung, fest. Insgesamt bestehen bei dem Wohlfahrtsverband 327 Tarifverträge, deren Niveau sich nach Region und Gliederung zum Teil stark unterscheidet. So verdienen beispielsweise Erzieher/innen und Pflegekräfte in sächsischen AWO-Einrichtungen bis zu 20 Prozent weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen in Hamburg oder Bayern. Das sei weder mit dem Grundsatz »gleicher Lohn für gleiche Arbeit« noch mit den Leitlinien der AWO selbst vereinbar, betonte Weinsberg. So spreche sich die Arbeiterwohlfahrt regelmäßig für Tarifbindung und gegen Lohndumping aus, praktiziere als Arbeitgeberin jedoch oft das Gegenteil.

»Das, was die AWO als politischer Verband beschließt und wie es am Tarifverhandlungstisch gelebt wird, driftet auseinander«, kritisierte auch ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. Sie plädierte dafür, die Arbeitgeber an ihren eigenen Aussagen zu messen. Zugleich betonte sie, die Beschäftigten müssten wahrnehmen, dass sich das Gesundheits- und Sozialwesen radikal verändert habe – und ihre Schlüsse daraus ziehen. »Wenn die Kolleginnen und Kollegen ihre eigenen Interessen selbstbewusst vertreten, können sie gemeinsam etwas verbessern.« Die Bedingungen dafür seien gerade vor dem Hintergrund des teilweise bestehenden Fachkräftemangels günstig.

Dass es auch unter schwierigen Bedingungen möglich ist, Kolleginnen und Kollegen für gute Tarifverträge zu mobilisieren, zeigen die AWO-Belegschaften in Brandenburg. »Wir haben immer wieder mit den Leuten geredet – und jetzt ist es so weit, dass viele mitmachen«, berichtete Christine Bannat, Mitglied der örtlichen Verhandlungskommission von ver.di. Eine aktive Mittagspause habe die Geschäftsführung noch belächelt. Doch als Ende Februar etliche Einrichtungen wegen eines Warnstreiks kurzfristig schließen mussten, verging den AWO-Managern die gute Laune. »Das hat den Arbeitgeber schockiert«, ist Bannat überzeugt. Unter den Beschäftigten sei die Mobilisierung mittlerweile ein Selbstläufer. »Die Leute kommen jetzt von sich aus. Das macht großen Spaß.« ver.di will die Dynamik nutzen, um eine Angleichung der Löhne in Richtung des TVöD-Niveaus durchzusetzen. Bei den knapp 80 Teilnehmer/innen der Tarifkonferenz kam das gut an. Sie dokumentierten ihre Unterstützung für die Brandenburger Kolleginnen und Kollegen mit einem Solidaritätsfoto.

Teilnehmer/innen der AWO-Tarifkonferenz 2017 zeigen Solidarität mit der AWO-Belegschaft in Brandenburg Michaela Ruhfus Teilnehmer/innen der AWO-Tarifkonferenz 2017 zeigen Solidarität mit der AWO-Belegschaft in Brandenburg

Auch in anderen AWO-Regionen gibt es ermutigende Entwicklungen. So berichtete Wolfgang Hooke, ver.di-Verhandlungsführer für die AWO im Norden, dass bei der AWO in Rostock und Ludwigslust eine stufenweise Angleichung an den TVöD bis 2020 vereinbart wurde. »Das hat Bewegung in die Tariflandschaft bei der AWO in Mecklenburg-Vorpommern gebracht.« Mittlerweile haben sich sieben der zwölf Kreisverbände zu einer Tarifgemeinschaft zusammengeschlossen. Ihr klar formuliertes Ziel: die Angleichung an den TVÖD. »Das ist eine große Chance und würde uns auch bei den anderen Wohlfahrtsverbänden helfen, etwas zu bewegen«, erklärte Hooke.

Sein Kollege Christian Godau betonte allerdings, dass die Situation im benachbarten Schleswig-Holstein eine ganz andere ist. Dort macht die Arbeiterwohlfahrt auch nach drei Warnstreiks keine Angebote, die das Gehaltsniveau dem TVöD näher bringen würden. Mit einseitigen Lohnerhöhungen versuche sie stattdessen, Teile der Belegschaften vom Streik abzuhalten. »Die AWO hat sich verändert – und auch wir müssen uns verändern«, so der Gewerkschafter. Insbesondere müsse ver.di für jüngere Kolleg/innen attraktiver werden. »Bei den Warnstreiks haben junge Belegschaften aus der Altenpflege und dem Servicebereich eine dynamische Rolle gespielt, von denen wir das gar nicht erwartet hatten. Diese Dynamik müssen wir in die Organisation rein holen«, sagte Godau.

Dafür, wie sich die Durchsetzungsfähigkeit verbessern lässt, gab es auf der Konferenz viele Hinweise. Zugleich machten die ver.di-Aktiven deutlich, dass sie einheitlichere Bedingungen innerhalb der AWO anstreben. Detlev Beyer-Peters vom AWO-Seniorenzentrum Recklinghausen schlug vor, eine Arbeitsgruppe einzurichten, die Wege zu diesem Ziel aufzeigen soll. In einem Stimmungsbild unterstützte die große Mehrheit der Teilnehmer/innen diesen Vorschlag, über den nun in den zuständigen ver.di-Gremien entschieden wird.