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Viele Pflegekräfte – keine Gewalt

Gewalt in der Psychiatrie

Viele Pflegekräfte – keine Gewalt

Infografik: 98 Prozent der Einrichtungen erfüllen die Personalvorgaben nicht, 83 Prozent der Interessenvertretungen halten den Mangel an Pflegepersonal für eine Ursache der Zunahme von Gewalt gegen Pflegekräfte. Quelle: ver.di / Grafik: werkzwei Personalmangel verursacht Gewalt  – Ergebnis einer Online-Befragung betrieblicher Interessenvertretungen im Frühjahr 2017. In 98 Prozent der Einrichtungen werden die Vorgaben für die Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV) für die Pflege demnach nicht eingehalten.

Das Beispiel einer geschlossenen Station im Zentrum für Psychiatrie Reichenau zeigt: Wenn genug Personal da ist, kommt es auf kleinen Stationen kaum zu Übergriffen.

»Im Sommer 2015 standen wir mit dem Rücken an der Wand«, erinnert sich Andrea Temme, Chefärztin im Zentrum für Psychiatrie Reichenau. Das Personal war so knapp, dass die Schließung einer Station im Raum stand. Doch die Klinik ging einen anderen Weg: Ehemals geschlossene Stationen wurden geöffnet. Alle  gegen ihren Willen untergebrachten Menschen wurden in einer geschlossenen Station konzentriert. »Uns war klar: Das würde nur bei einer kleinen Stationsgröße und einer guten Betreuungsrelation funktionieren«, so Temme. 

Die Zahl der Betten wurde von 21 auf 14, maximal 16 reduziert. In allen Schichten, auch nachts, waren mindestens vier Pflegekräfte anwesend. Die Folge: Schon nach kurzer Zeit waren viel weniger Zwangsmaßnahmen nötig, es kam seltener zu Übergriffen auf das Personal – trotz der Konzentration schwer kranker Patient/innen. 

»Die ganze Stimmung änderte sich. Das Team war nicht mehr nur Getriebener, sondern wurde zum Akteur«, berichtet die Ärztin. Die Pflegekräfte und Therapeut/innen probierten neue Methoden und Techniken aus, zum Beispiel die des »Festhaltens« als Alternative zur Fixierung. 

Im Oktober 2017 wurde die Zahl der Betten wegen Umbaumaßnahmen vorübergehend gar auf zehn reduziert, die Zahl der Pflegekräfte aber beibehalten. »Das hatte nochmal einen überraschend großen Effekt. Es gibt seither so gut wie keine Übergriffe und Fixierungen mehr«, sagt Temme. Die geringe Stationsgröße gebe den Patient/innen mehr Raum. Und die Pflegekräfte hätten jetzt die Möglichkeit, frühzeitig zu intervenieren und Konflikte so gar nicht erst entstehen zu lassen. »Unser aus der Not geborenes Experiment zeigt, wie Gewalt in der Psychiatrie verhindert werden kann – mit kleinen Stationen und ausreichend Personal.«

  • Zwang vermeiden

    In der Psychiatrie hat die Diskussion über Gewalt stets zwei Seiten. Neben Übergriffen auf Beschäftigte geht es um Zwangsmaßnahmen gegenüber Patientinnen und Patienten. Mit Letzterem beschäftigt sich aktuell das Bundesverfassungsgericht. Geklagt haben zwei Patienten, die während ihres Aufenthalts in der Psychiatrie gegen ihren Willen fixiert wurden. Sie fordern, dass dafür künftig eine richterliche Genehmigung nötig ist. 

    Viele Kliniken zählen nicht, wie oft Zwang angewandt wird. Chefarzt Martin Zinkler vom Klinikum Heidenheim schätzt auf Basis von Daten aus Baden-Württemberg, dass es bundesweit bei 800.000 stationären Aufenthalten jährlich rund 221.000 Mal zu Zwangsmaßnahmen kommt. Bei der mündlichen Verhandlung Ende Januar in Karlsruhe betonten mehrere Sachverständige, Zwangsmaßnahmen könnten zumeist vermieden werden, wenn Patienten in Krisensituationen mit einem 1:1- oder gar 2:1-Schlüssel betreut werden können. Der Heidenheimer Psychiater Zinkler sagte im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: »Ich glaube, wenn ich 15 Prozent mehr Mitarbeiter hätte, bräuchte ich gar keine Fixierungen mehr.«

    Wenn genug Personal da ist, können Zwangsmaßnahmen wie Fixierungen zumeist vermieden werden.

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Foto/Grafik: Tom Körner

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