drei.63

Keine Angst mehr

Rettungsdienst

Keine Angst mehr

Beschäftigte im Radeberger DRK-Rettungsdienst streiken für höhere Löhne. Die Gefahr einer Insolvenz hält sie nicht ab.
Rettungsdienst-Beschäftigte mit Banner mit Aufschrift "Schluss mit Rettungsdienst-Ausschreibung." und "DRK-Reformtarifvertrag jetzt" privat Streik beim DRK in Radeberg

In seinen 22 Jahren beim Rettungsdienst hat Stephan Heinrich schon viel erlebt. Er war beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) angestellt, dann bei einem anderen Rettungsdienst und seit 2015 wieder bei der DRK Rettungsdienst Radeberg-Pulsnitz gGmbH. Die Arbeit blieb stets die gleiche, doch die Bedingungen verschlechterten sich. Um andere bei den Ausschreibungen unterbieten zu können, wechselte die sächsische DRK-Tochter vom ver.di-Tarif zum »Tarifvertrag« der sogenannten christlichen Gewerkschaft DHV. Heute verdienen die Radeberger Notfallsanitäter rund ein Drittel weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Bundesländern. »Deshalb streiken wir«, erklärt Stephan Heinrich. »Und das machen wir so lange, bis wir eine bessere Bezahlung durchgesetzt haben.«

Schon drei Mal haben die Beschäftigten in Dresden auf den Rettungswachen ihre Arbeit niedergelegt und den Krankentransport bestreikt. Ihre Forderung: Die Löhne müssen sich zumindest schrittweise an das Niveau des DRK-Reformtarifvertrags annähern. Doch der Arbeitgeber blockiert. Am Anfang wollte er mit ver.di nicht einmal reden. Das änderte sich erst nach dem ersten Warnstreik. Die Angebote der DRK-Tochter bleiben jedoch weit hinter den ver.di-Forderungen zurück. Die Begründung: Eine Angleichung an den Flächentarif würde das Unternehmen ruinieren. Denn die mit den Kommunen geschlossenen Dienstleistungsverträge – die noch bis Ende 2019, teilweise bis 2022 laufen – sind auf Grundlage der Niedriglöhne kalkuliert.

Kritik an Ausschreibungen

»Das ist eindeutig die Verantwortung des DRK, das die Ausschreibung mit einem Dumpingangebot gewonnen hat«, betont ver.di-Sekretär Jens Uhlig. »Die Kolleginnen und Kollegen sind nicht bereit, sich noch Jahre mit so wenig Geld für harte und verantwortungsvolle Arbeit abspeisen zu lassen.« Auf in der Regel gerade mal etwa 2.300 Euro brutto im Monat kommt ein Rettungsassistent in Radeberg-Pulsnitz – mit zehn Jahren Berufserfahrung und bei über 210 Arbeits- und Bereitschaftsstunden im Monat. Unter diesen Bedingungen seien immer weniger Menschen bereit, die wichtige Arbeit im Rettungsdienst zu machen.

Verursacht haben diese Zustände nicht nur das Rote Kreuz, sondern auch die politisch Verantwortlichen. Denn laut sächsischem Brand- und Katastrophenschutzgesetz müssen die Rettungsdienste ausgeschrieben werden. Wer den Zuschlag bekommt, richtet sich vor allem nach dem Preis und den angebotenen Dienstleistungen. Die Arbeitsbedingungen spielen, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Es reicht schon, wenn die Bieter irgendwelche »Tarifverträge« vorzeigen können – und seien es Billigtarife von Scheingewerkschaften wie dem DHV, die der Arbeitgeberverband Wohlfahrts- und Gesundheitsdienste für 51 Gesellschaften in Sachsen unterschrieben hat. »Ich kenne unter den Kollegen niemanden, der im DHV ist«, sagt der Notfallsanitäter Stephan Heinrich. In ver.di ist dagegen weit über die Hälfte der knapp 200 Beschäftigten organisiert.

Vor anderthalb Jahren waren es nur eine Handvoll. Dann begannen einige, sich für einen richtigen Tarifvertrag zu engagieren und ihre Kolleginnen und Kollegen für die Gewerkschaft zu gewinnen – mit großem Erfolg. Stephan Heinrich erklärt das damit, dass die Kolleginnen und Kollegen schlicht die Nase voll und keine Angst mehr haben. Auch vor der Drohung, ihr Unternehmen könnte insolvent gehen, lassen sie sich nicht abschrecken. »Der Rettungsdienst wird weiter gebraucht. Ob das unter dem DRK oder einem anderen Etikett läuft, ist den ver.di-Mitgliedern hier eigentlich egal«, sagt der Notfallsanitäter. »Hauptsache, es ändert sich was – und zwar schnell.«

Daniel Behruzi

Die gesamte Zeitung als PDF zum Download.

Alle Ausgaben als PDF: Das drei-Archiv.