drei.63

Fachkraftquote absenken?

Pro/Contra

Fachkraftquote absenken?

Pro

Portrait Erwin Rüddel privat Erwin Rüddel

Oftmals wurde ich in letzter Zeit von Fachleuten aus der Praxis auf das baden-württembergische Modell angesprochen. Hierbei kann die Fachkraftquote in Pflegeeinrichtungen flexibilisiert werden. Dadurch kann die Quote der Pflegefachkräfte von 50 Prozent abgesenkt werden auf mindestens 40 Prozent, sofern im Gegenzug 20 Prozent andere Fachkräfte oder aber Pflegekräfte mit einer zweijährigen Ausbildung eingesetzt werden. Das heißt, zehn Prozent der Fachkraftquote können ersetzt werden durch 20 Prozent mindestens zweijährig ausgebildete Pflegekräfte. Das bedeutet mehr Fachlichkeit bei mehr Flexibilität.

Die Anrechnung von Pflegekräften mit einer zweijährigen Ausbildung auf die Fachkraftquote wäre auch sinnvoll in Hinblick auf die Pflegeberufereform: Nach der zweijährigen gemeinsamen Ausbildung gibt es eine Zwischenprüfung, so dass diejenigen, die nicht nach drei Jahren einen Abschluss als Pflegefachkraft machen, einen Abschluss als Pflegeassistent bekommen. Hier könnte entsprechend der Qualifizierung eine Anpassung der Kompetenzen stattfinden und die dazugehörige anteilige Anrechnung auf die Fachkraftquote.

Mir ist wichtig, die gute Versorgung in der Pflege sicherzustellen. Die Lösung, die Baden-Württemberg gewählt hat, finde ich einen diskussionswürdigen Ansatz: Dies ist eben keine Absenkung der Pflegequalität, sondern würde einerseits die Qualität der Versorgung gewährleisten und andererseits einen flexibleren Personaleinsatz ermöglichen.

Erwin Rüddel, pflegepolitischer Sprecher der CDU/CSU im Bundestag

 

Contra

Portrait Miriam Fischer privat Miriam Fischer

Der CDU-Politiker Erwin Rüddel und der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) wollen die Fachkraftquote in der Altenpflege verschlechtern, im ersten Schritt nach dem sogenannten baden-württembergischen Modell. Demnach kann der Anteil der Pflegefachkräfte unter den von Erwin Rüddel geschilderten Bedingungen um zehn Prozent gesenkt werden. 20 Prozent der Beschäftigten können dann Fachkräfte anderer Berufe sein. Das bringe »mehr Fachlichkeit bei mehr Flexibilität«. Klingt gut, ist es aber nicht. Musiktherapeut/innen oder Dorfhelfer/innen machen gute und sinnvolle Arbeit. Doch examinierte Pflegekräfte können und sollen sie nicht ersetzen. Vor allem aber: Die Möglichkeit, examinierte Fachkräfte gegen zweijährig ausgebildete Pflegekräfte auszutauschen, könnte als Einfallstor zur dauerhaften und flächendeckenden Absenkung des Qualifikations-
niveaus dienen.

Studien belegen: Werden Pflegefachkräfte durch fachfremde Beschäftigte oder Hilfskräfte ersetzt, leidet die Qualität. Ganzheitliche Pflege ist so nicht möglich. Die Arbeitsbelastung der verbliebenen Pflegefachkräfte verschärft sich weiter. Noch mehr Kolleginnen und Kollegen werden aus dem Beruf vergrault. Der Fachkräftemangel ist daher kein Argument für die Absenkung der Fachkraftquote – im Gegenteil. Gute Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung können den Fachkräftebedarf von morgen sichern. Es müssen mehr, nicht weniger Pflegefachkräfte ans Bett.

Miriam Fischer, Altenpflegerin in Backnang in Baden-Württemberg