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Reform im Wartestand

Ausbildung

Reform im Wartestand

Porträt Gerd Dielmann Astrid Sauermann Gerd Dielmann  – Der ver.di-Experte Gerd Dielmann war Sachverständiger bei der Bundestagsanhörung zum Pflegeberufsgesetz im Juni 2016.

Die Ausbildungsreform der Pflegeberufe tritt auf der Stelle. Dem Vernehmen nach besteht in der CDU-Fraktion keine Einigkeit über den weiteren Fortgang. Während Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und die SPD an dem vorgeschlagenen Weg einer generalistischen Ausbildung festhalten, wollen Teile der Union den Altenpflegeberuf erhalten.

Mit der Reform soll die Ausbildung durch eine breitere Qualifizierung attraktiver und der Fachkräftemangel behoben werden. Von fehlender Attraktivität kann aber bei den derzeitigen Ausbildungen nicht die Rede sein. Mit laut Statistischem Bundesamt über 68.000 Auszubildenden in der Altenpflege und knapp 64.000 in der Gesundheits- und Krankenpflege gehören sie bereits heute zu den von Frauen am häufigsten gewählten Ausbildungsberufen (Bürokauffrau: 54.453) und übertreffen zahlenmäßig selbst die attraktivsten Männerberufe (Kfz-Mechatroniker 62.445).

Nach einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) kommt die geplante Ausbildung bei ihrer Zielgruppe nicht gut an: Die befragten Schulabgänger/innen weisen dem generalistischen Pflegeberuf ein deutlich weniger positives Image zu als etwa der spezialisierten Gesundheits- und Kinderkrankenpflege oder der Gesundheits- und Krankenpflege.

Die spezialisierten Ausbildungsgänge in Altenpflege, Kinderkrankenpflege und allgemeiner Pflege sprechen unterschiedliche Zielgruppen an. Wer künftig Kinder pflegen will, möchte nicht unbedingt einen großen Teil seiner Ausbildungszeit in der Altenpflege verbringen.

Als zentrales Argument für die Reform ist häufig von einer (zu erwartenden) besserer Bezahlung vor allem in der Altenpflege die Rede. Warum aber sollten Altenpflegerinnen besser bezahlt werden, wenn sie Pflegefachfrauen heißen? Weil sie leichter ins Krankenhaus wechseln können? Das würde die Mangelsituation in der Altenhilfe nur verstärken und nicht die Refinanzierung verbessern. Im Übrigen gibt es für Altenpfleger/innen auch heute schon die Möglichkeit, in geriatrischen Abteilungen der Akutkrankenhäuser oder psychiatrischen Einrichtungen zu arbeiten. Nach allen Erfahrungen werden Spezialist/innen in ihrem Fachgebiet besser bezahlt als Fachkräfte mit einer breiten Basisausbildung.

Schon bei den Modellversuchen zur generalistischen Ausbildung hat sich gezeigt, dass Auszubildende mit dem ursprünglichen Ziel Altenpfleger/in wegen der besseren Arbeitsbedingungen in die Krankenpflege wechselten.

Der so genannte Fachkräftemangel ist vor allem im Krankenhaus ein Mangel an Personalstellen. In Einrichtungen der Altenpflege und ambulanten Pflege wird Pflegearbeit darüber hinaus oft schlechter bezahlt. Nicht weil die Arbeit nicht von Krankenschwestern ausgeübt wird, sondern weil keine Tarifbindung besteht und die Refinanzierung der Pflegearbeit unzureichend ist. Wenn Stellen nicht besetzt werden können, liegt es zumeist an den Bedingungen – schlechte Bezahlung, zu wenige oder lediglich Teilzeitstellen. Beide Ursachen für ausbleibende Bewerbungen lassen sich nicht durch eine Ausbildungsreform beheben. Eine neue Berufsbezeichnung führt weder zu mehr Stellen noch zu einer besseren Bezahlung der Pflegearbeit.

Ein Scheitern der Reform wäre kein Grund zur Trauer. Die wenigen positiven Elemente, wie bundeseinheitliche Vorgaben zur praktischen Ausbildung, die nicht über bestehende Landesregelungen hinausgehen, die Abschaffung des in einigen Ländern noch erhobenen Schulgelds in der Altenpflege und höhere Qualifikationsanforderungen an Lehrkräfte stehen einer Reihe von Problemen und Verschlechterungen gegenüber:

Ein Zusammenlegen der Ausbildung wird eine verstärkte Konzentration bei den Pflegeschulen zur Folge haben. Viele, vor allem kleinere Altenpflegeschulen werden den neuen Anforderungen an die Ausbildungsstätten nicht gewachsen sein. Die Folge wird ein Verlust an Ausbildungsplätzen sein, der noch dadurch verstärkt wird, dass die Zugangsbedingungen perspektivisch verschärft werden sollen. Der Zugang über eine zehnjährige allgemeine Schulbildung, der vor allem in der Altenpflege eine hohe Bedeutung hat, soll überprüft (gemeint ist: abgeschafft) werden. Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass kostenlose Praktikantinnen und Praktikanten der Hochschulstudiengänge reguläre Ausbildungsplätze ersetzen.

Durch das Gesetz droht die weitere Spaltung des Berufs in verschiedene Ausbildungsniveaus, ein »gestuftes und durchlässiges Pflegebildungssystem«, wie es im Regierungsentwurf heißt. Als Folge der Reform ist die vermehrte Einstellung von Pflegehilfskräften für die Durchführung der Pflege zu erwarten, denn die Planung und Auswertung ist ja den dreijährig ausgebildeten Pflegefachkräften vorbehalten. An Hochschulen ausgebildete Pflegefachleute sollen die »hochkomplexen Pflegefälle« verantworten – nachdem sie als vogelfreie Praktikantinnen und Praktikanten ohne Vergütung und geregelte Ausbildungsbedingungen ihre praktischen Erfahrungen gesammelt haben. Das bedeutet eine Dequalifizierung des jeweils niedrigeren Ausbildungsniveaus. Aufwertung aller Pflegeberufe sieht anders aus.

Die versprochene Durchlässigkeit bleibt wegen fehlender verbindlicher Anrechnungsvorschriften auf der Strecke. Die vom Gesetz vorgesehene Übertragung der Trägerschaft der Ausbildung auf Schulen und Hochschulen als Vertragspartner der Auszubildenden oder Studierenden bedeutet eine Verschulung der Ausbildung und damit eine Gefährdung der betrieblichen Mitbestimmung.

Wollte man die Berufstätigkeit in der Pflege ernsthaft attraktiver gestalten, bedürfte es zuallererst einer gesetzlichen Personalbemessung und verbindlicher Tarifverträge für alle in der Pflege Beschäftigten.

Gerd Dielmann (ver.di) war Sachverständiger bei der Bundestagsanhörung zum Pflegeberufsgesetz im Juni 2016.