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Azubis besser anleiten

Praxisanleitung

Azubis besser anleiten

Junger Mann hält eine Sprühschablone Kay Herschelmann Mehr als Waschn  – JAV-Konferenz im Juni 2016 in Willingen

Zehn Jahre haben Auszubildende dafür gekämpft. Jetzt gibt es an den Unikliniken Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm den bundesweit ersten Tarifvertrag zur Ausbildungsqualität im Krankenhaus. Pflege-Azubis haben nun ein Recht darauf, mindestens zehn Prozent ihrer praktischen Einsatzzeit angeleitet zu werden – und zwar strukturiert, mit Hilfe qualifizierter Praxisanleiter/innen, die dafür Zeit erhalten. Auch in anderen Krankenhäusern treten Jugendvertretungen und ver.di in Aktion, um die praktische Ausbildung zu verbessern

Absichtserklärungen gab es in der Vergangenheit viele, doch bei der Ausbildungsqualität verbesserte sich wenig. »In der Tarifrunde 2016 haben wir gesagt: Wir haben die Nase voll, ohne einen Tarifvertrag zur Praxisanleitung gibt es keinen Abschluss «, berichtet die Jugendvertreterin Ronja Bühler von der Universitätsklinik Tübingen. Den Durchbruch brachte ein Jugend-Streiktag am 30. Mai 2016, bei dem über 300 Azubis aus allen vier Standorten vor dem Verhandlungslokal in Stuttgart demonstrierten. »Das war eine super Aktion, die klar gemacht hat: Wir meinen es ernst«, sagt Ronja Bühler, die auch in der Jugend-Tarifkommission von ver.di für die vier Unikliniken aktiv ist.

Tarifvertrag Ausbildungsqualität

Die Klinikleitungen gaben dem Druck nach und akzeptierten den deutschlandweit ersten Tarifvertrag zur Ausbildungsqualität. Die Detailverhandlungen brauchten noch einige Monate, jetzt ist die Vereinbarung unterschrieben. Darin steht unter anderem: In allen Bereichen müssen genügend qualifizierte Praxisanleiter/innen sowie feste Bezugspersonen zur Verfügung stehen, die zeitgleich mit den Azubis zum Dienst eingeteilt sind. Das Unternehmen muss die Zeiten der Praxisanleitung dokumentieren und dafür Sorge tragen, dass die Azubis genug praktische Anleitung erhalten.

Jugend-Streiktag im Mai 2016 in Stuttgart ver.di Jugend-Streiktag Stuttgart 2016  – Jugend-Streiktag im Mai 2016 in Stuttgart

Dass all das jetzt tariflich festgeschrieben ist, hält Ronja Bühler für einen großen Vorteil: »Die Ansprüche aus einem Tarifvertrag sind individuell einklagbar, der Arbeitgeber ist verpflichtet, sich daran zu halten.« Vor diesem Hintergrund habe sich an allen vier Standorten in den vergangenen Monaten schon viel verbessert. »Der Tarifvertrag wirkt«, bilanziert die 26-Jährige. Und: Er gilt nicht nur für Pflegekräfte, sondern auch für angehende Pflegehelfer, Hebammen sowie Operationstechnische oder Anästhesietechnische Assistentinnen (OTA/ATA). »In diesem Berufen findet noch viel weniger praktische Anleitung statt«, stellt die Jugendvertreterin fest. Schrittweise wird die Anleitung auch hier ausgeweitet, in fünf Jahren muss sie ebenfalls mindestens zehn Prozent betragen.

Auch anderswo setzen sich Jugendvertreter und Gewerkschafterinnen für eine bessere praktische Ausbildung ein. Mit dem Projekt »Praktisch.Besser.Jetzt!« hat ver.di 2016 dabei geholfen, betriebliche Regelungen für insgesamt mehr als 3.500 Pflege-Azubis auf den Weg zu bringen. So auch am Klinikum Kassel, wo die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) gemeinsam mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung zur Ausbildungsqualität entworfen hat. Die lokale Auswertung des »Ausbildungsreports Pflegeberufe« von ver.di habe gezeigt, dass die Azubis nur etwa 1,5 Prozent der praktischen Ausbildungszeit angeleitet werden, berichtet der JAV-Vorsitzende Hakim Zabirov. »Das ist erschreckend, zumal darin auch spontane, nicht strukturierte Anleitungen enthalten sind.«

Freistellung für Praxisanleiter

Nach vielen Diskussionen mit den Azubis hat die JAV in Kassel deshalb die Idee aufgeworfen, einen Wochentag zum »Praxisanleitungstag« zu erklären. So will sie sicherstellen, dass die Anleiterinnen tatsächlich für diese Arbeit freigestellt werden. »Bei uns ist nämlich nicht das Problem, dass es keine Praxisanleiter gibt, sondern dass sie wegen der Personalnot keine Zeit haben, sich um die Azubis zu kümmern«, erklärt Hakim Zabirov. Dem Jugendvertreter ist es wichtig, nicht nur den Anteil der Praxisanleitung festzuschreiben, sondern auch die Rahmenbedingungen. Der Entwurf beinhaltet deshalb auch Regelungen zur Lehrmittelfreiheit, zu Mitspracherechten bei der Verteilung der Einsätze und anderen Aspekten. Seit Anfang des Jahres wird darüber verhandelt.

Beim privaten Krankenhausbetreiber Helios laufen ebenfalls an etlichen Standorten Verhandlungen. »Eigentlich wollten wir eine konzernweite Betriebsvereinbarung, aber dem hat sich der Arbeitgeber verweigert«, berichtet Heike Brumberg, die im Konzernbetriebsrat einen Ausschuss zur Praxisanleitung leitet. Helios sieht keinen Handlungsbedarf. Doch die Betriebsrätin meint: »Einem Konzern mit rund 3.000 Auszubildenden stünde es gut zu Gesicht, in Sachen Ausbildungsqualität Vorbild zu sein.«

Daniel Behruzi