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»Pausen sind wichtig«

Nachtarbeit

»Pausen sind wichtig«

Porträt Dr. Anna Arlinghaus privat Dr. Anna Arlinghaus  – ist Arbeitspsychologin und Beraterin der Firma XIMES. Sie ist Mitglied im Vorstand der deutschsprachigen Arbeitszeit-Gesellschaft sowie der International Working Time Society.

Gerade nachts sollten Beschäftigte nicht durcharbeiten. Ein Gespräch mit der Arbeitspsychologin Anna Arlinghaus

Nachtarbeit gilt als gesundheitsschädlich. Ist das so? Und warum?

Der Mensch ist von Natur aus ein tagaktives Wesen. Die Nachtarbeit widerspricht unserem biologischen Rhythmus. Häufig sind gesundheitliche Probleme die Folge – zum Beispiel Schlafstörungen, Müdigkeit, Verdauungsprobleme. Längerfristig können sich schwere Erkrankungen wie Diabetes oder Herz-Kreislaufprobleme entwickeln. Das liegt auch daran, dass sich der menschliche Rhythmus nicht wirklich an die Nachtarbeit anpassen kann. Zum einen biologisch. Zum anderen aber auch sozial, weil das Leben um einen herum vor allem tagsüber stattfindet. Auch deshalb ist es sehr schwer, sich dauerhaft an Nachtarbeit anzupassen.

Aber es gibt doch Menschen, die eher nachts aktiv sind. Kommen sie damit besser zurecht?

Es scheint so zu sein, dass es biologisch Frühaufsteher und Nachteulen gibt, die Nachtschichten unterschiedlich gut vertragen. Die meisten Menschen sind allerdings eher Mischformen. Zudem ändert sich die Belastungsfähigkeit im Laufe des Lebens. 

Im Gesundheits- und Sozialwesen ist Nachtarbeit vielfach unvermeidlich. Wie sollte sie gestaltet sein, um gesundheitliche Schäden für die Beschäftigten so weit wie möglich zu vermeiden?

Grundsätzlich wird ein vorwärts rollierender Schichtplan empfohlen – also Wechsel von der Früh-, zur Spät- und dann zur Nachtschicht. Das kommt dem biologischen Rhythmus entgegen, da dieser etwas mehr als 24 Stunden beträgt. Deshalb kommt man bei einem Flug in die USA mit dem Jetlag auch etwas besser zurecht als beim Rückflug. Zudem sollte man möglichst wenige Nachtschichten in Folge arbeiten – empfohlen werden maximal zwei oder drei. Denn dann stellt man sich gar nicht erst so stark auf den Nachtrhythmus um, so dass der Wechsel zurück leichter fällt. Außerdem ist es wichtig, gerade nachts regelmäßige Pausen zu machen. Wenn möglich sogar ein kurzes Nickerchen von 15, 20 Minuten. Das klingt zwar ungewöhnlich, doch kurze Schlafphasen im Nachtdienst erhöhen erwiesenermaßen die Leistungsfähigkeit und reduzieren die Belastung. In der Praxis ist das natürlich oft schwer umzusetzen.

Viele Beschäftigte empfinden es als weniger belastend, viele Nächte hintereinander zu arbeiten und dafür länger frei zu haben.

Die von mir genannten Empfehlungen beruhen auf einer Vielzahl von Studien, die zeigen: 70 bis 80 Prozent vertragen die kurze Rotation besser. Das heißt aber auch, dass dies für bis zu 30 Prozent nicht gilt. Es gibt also nicht den einen optimalen Schichtplan für alle. Das hängt auch damit zusammen, dass es unterschiedliche Typen gibt. Zudem kann man beobachten, dass ein häufigerer Wechsel mit zunehmendem Alter schwieriger wird. Ältere empfinden auch Nachtarbeit an sich als anstrengender.

Sind Dauer-Nachtwachen nicht besser als der ständige Wechsel zwischen Früh-, Spät- und Nachtschicht?

Nein. Dauer-Nachtarbeit wird arbeitswissenschaftlich sehr kritisch gesehen. Denn der Mensch kann sich nicht wirklich dauerhaft daran anpassen. Das geht höchstens, wenn man völlig isoliert ohne starke Lichteinflüsse lebt, zum Beispiel auf einer Ölplattform. Dann braucht man aber auch bis zu drei Wochen, um sich wieder an den Tagrhythmus zu gewöhnen. Es gibt noch Forschungsbedarf, unter welchen Bedingungen Dauer-Nachtarbeit weniger schädlich sein kann. Grundsätzlich wird sie jedoch als problematisch bewertet, empfohlen wird eher der Wechsel.

Wäre es nicht sinnvoll, wenn jüngere Beschäftigte freiwillig längerfristig nachts arbeiten und damit ältere Kolleginnen und Kollegen entlasten?

In manchen Industriebetrieben wird das teilweise so praktiziert, weil viele Beschäftigte schichtuntauglich sind und es Probleme gibt, die Nachtschicht zu besetzen. Die Frage ist aber: Was ist freiwillig? Oft sind finanzielle Anreize ausschlaggebend. Später haben diese Beschäftigten zum Teil Schwierigkeiten, wieder auszusteigen, weil sie dann weniger verdienen. Die Nachtarbeit auf möglichst viele Schultern zu verteilen, ist ein besseres Modell. Das reduziert die Belastung Einzelner. Wenn vor allem die Jüngeren belastet werden, besteht die Gefahr, dass sie schneller verschleißen und im Alter ebenfalls schichtuntauglich werden.

Fazit: Nachtarbeit ist in jedem Fall eine Belastung. Was wäre ein angemessener Ausgleich dafür?

Das ist eine spannende Frage, die nicht leicht zu beantworten ist. Es hängt auch davon ab, wie schwer die Arbeit ist und wie sie ansonsten gestaltet wird. Wie lang ist die Wochenarbeitszeit? Wie lang sind die Nachtschichten? Gibt es noch andere ungünstige Arbeitszeiten? Pauschale Antworten sind da schwierig. Vom Grundsatz her ist es aber so: Man braucht zusätzliche Freizeit, um die Belastung durch Nachtarbeit wieder abzubauen. Ein finanzieller Ausgleich hilft da nicht. Wie stark die Arbeitszeit konkret reduziert werden müsste, hängt von der Art der Arbeit ab. 

Der »Nachtdienstcheck« von ver.di hat gezeigt, dass fast zwei Drittel der Pflegekräfte nachts allein auf der Station arbeiten und im Durchschnitt für 26 Patient/innen zuständig sind. Zudem sagt jede siebte Pflegekraft, dass sie in der letzten Nachtschicht keine Pause nehmen konnte. Wie bewerten Sie diese Ergebnisse aus arbeitspsychologischer Sicht?

Für eine valide Bewertung müsste man eine Tätigkeits- und Belastungsanalyse der einzelnen Arbeitsplätze durchführen. Klar ist aber, wie wichtig zum Beispiel Pausen sind. Gerade die Kombination aus hoher Arbeitsbelastung, Nachtarbeit, Alleinarbeit und fehlenden Pausen ist aus arbeitswissenschaftlicher Sicht sehr ungünstig.

Interview: Daniel Behruzi