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»Die Bilanz ist sehr positiv«

»Die Bilanz ist sehr positiv«

Porträt Marilyn Albert Daniel Behruzi Marilyn Albert

Personalbemessung im Krankenhaus – das Beispiel Kalifornien

Marilyn Albert ist Krankenschwester und Organizerin der Gewerkschaft NUHCW (National Union of Healthcare Workers) in Kalifornien, die rund 11.000 Mitglieder in allen Gesundheitsberufen repräsentiert. Im Oktober 2015 sprach sie auf der UMCARE-Konferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin.

drei: Wie hat sich die Situation in den US-Krankenhäusern in den vergangenen Jahren verändert?
Marilyn Albert: In den 1990ern haben Kliniken im ganzen Land ihre Kosten reduziert, vor allem durch eine Neuordnung der Pflege. Auf Anraten externer Unternehmensberater haben die Häuser Fachkräfte durch geringqualifizierte Pflegeassistent/innen ersetzt. Das gefährdet die Patientenversorgung. Denn wenn die examinierten Pflegekräfte die sogenannten kleinen Aufgaben am Bett nicht mehr selbst erledigen, können sie den Zustand der Patientinnen und Patienten schlechter einschätzen. Mitte der 1990er haben Pflegekräfte begonnen, gegen diese Entwicklung auf die Straße zu gehen.

drei: Wie kam es dazu?
Marilyn Albert: Ein Faktor war die Verkürzung der Liegezeiten. Deren Folge war, dass die Betreuungsintensität und damit die Arbeitsbelastung zunahmen. Als Reaktion kam die Idee einer gesetzlichen Personalbemessung auf. Es sollten Quoten festgelegt werden, die die Anzahl der Patient/innen pro Pflegekraft begrenzen. Diese Forderung bekam auch deshalb Gewicht, weil mehrere Studien ab Ende der 1990er Jahre einen direkten Zusammenhang zwischen Personalmangel und Versorgungsqualität belegten. Wissenschaftlerinnen konnten nachweisen, dass die Sterblichkeit umso größer ist, je mehr Patienten eine Pflegekraft betreuen muss.

drei: Wie haben die Gewerkschaften Verbesserungen erreicht?
Marilyn Albert: Sie haben für eine breite Öffentlichkeit gesorgt. Pflegekräfte haben die unzureichende Personalbesetzung in jeder Schicht dokumentiert und immer wieder Überlastungsanzeigen geschrieben. Patient/innen und ihre Familien wurden ermutigt, von unzureichender Versorgung zu berichten. Gewerkschafter haben die Politik bei jeder Gelegenheit mit dem Thema konfrontiert – letztlich mit Erfolg. 1999 unterzeichnete der demokratische Gouverneur von Kalifornien, Gray Davis, ein Gesetz zur Personalbemessung im Krankenhaus.

drei: Was steht drin?
Marilyn Albert: Es legt verbindliche Quoten von Pflegekräften zu Patient/innen fest, die zu keinem Zeitpunkt unterschritten werden dürfen. So ist auf Intensivstationen eine Pflegekraft für maximal zwei Patient/innen zuständig, auf Normalstation für höchstens fünf. Neben den Quoten enthält das Gesetz weitere Regelungen. Zum Beispiel müssen Kolleginnen und Kollegen, die ihre Pause nehmen, von einem Springer abgelöst werden. Auch die Freistellung der Stationsleitungen für ihre Leitungstätigkeit ist im Gesetz enthalten.

drei: Wie haben die Krankenhausträger auf das Gesetz reagiert?
Marilyn Albert: Sie sind sofort dagegen vor Gericht gezogen. Zu dieser Zeit hat Kinostar Arnold Schwarzenegger als Kandidat der Konservativen Davis als Gouverneur Kaliforniens abgelöst – und das Gesetz per Notverordnung außer Kraft gesetzt. Die Gewerkschaften haben sofort eine militante Öffentlichkeitskampagne gestartet. Krankenschwestern protestierten bei jedem Auftritt Schwarzeneggers. Letztlich erklärte das oberste Gericht Kaliforniens das Vorgehen Schwarzeneggers für illegal, das Gesetz trat 2004 in Kraft.

drei: Es existiert nun seit über zehn Jahren. Wie fällt die Bilanz aus?
Marilyn Albert: Sehr positiv. Ein unmittelbarer Effekt war, dass 10.000 Pflegekräfte in ihren Job zurückkehrten, die ihn wegen des hohen Arbeitsdrucks zuvor aufgegeben hatten. Studien belegen, dass sich das Gesetz positiv auf die Versorgungsqualität ausgewirkt hat. Trotzdem versuchen die Krankenhausbetreiber immer wieder, es zu unterlaufen. Es braucht eine gut organisierte Gewerkschaft, um das zu verhindern und die Regelungen in der Praxis durchzusetzen. Der Erfolg in Kalifornien hat auch Pflegekräfte in anderen Bundesstaaten ermutigt, für eine gesetzliche Personalbemessung zu kämpfen. Doch das hat der Widerstand der Krankenhausindustrie bislang verhindert.

Interview: Daniel Behruzi

 

Gesetzliche Personalbemessung in Krankenhäusern Kaliforniens:

  • Intensivstation: 1 Pflegekraft – 2 Patienten
  • Neugeborenen-Intensivstation: 1 Pflegekraft – 2 Patienten
  • OP: 1 Pflegekraft – 1 Patient
  • Aufwachraum: 1 Pflegekraft – 2 Patienten
  • Kreißsaal: 1 Pflegekraft – 2 Patienten
  • Geburtsstation: 1 Pflegekraft – 4 Patienten
  • Pädiatrie: 1 Pflegekraft – 4 Patienten
  • Notaufnahme: 1 Pflegekraft – 4 Patienten
  • Intensivpatienten in der Notaufnahme: 1 Pflegekraft – 2 Patienten
  • Traumapatienten in der Notaufnahme: 1 Pflegekraft – 1 Patient
  • Intermediate Care: 1 Pflegekraft – 3 Patienten
  • Telemetrie: 1 Pflegekraft – 4 Patienten
  • Normalstation: 1 Pflegekraft – 5 Patienten
  • Andere spezialisierte Stationen: 1 Pflegekraft – 4 Patienten
  • Psychiatrie: 1 Pflegekraft – 6 Patienten