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Unter Dauerstrom

Psychiatrie

Unter Dauerstrom

Flur im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) im südbadischen Emmendingen Joachim E. Roettgers GRAFFITI

Es fehlt an Personal, Gewalt gehört zum Alltag. Dennoch machen die Beschäftigten im Zentrum für Psychiatrie Emmendingen ihre Arbeit gern | Daniel Behruzi

Manchmal kommt auch etwas zurück. Brigitte Oberle-Elskamp, Leiterin der Station 32 des Zentrums für Psychiatrie (ZfP) im südbadischen Emmendingen, zeigt auf eine Vase, die im Schwesternzimmer steht. Darin blühen gelbe Tulpen und rote Gerbera. Ein Patient hat sie den Pflegekräften geschenkt. »Er war schon 20 Mal da, und jedes Mal schenkt er uns Blumen, wenn es ihm besser geht«, berichtet die Stationsleiterin. »Eine tolle Geste der Wertschätzung.« Doch so ist es nicht immer. Die Aggressivität, die Zahl der verbalen und körperlichen Attacken nehme zu. Ebenso der Arbeitsdruck. Es werde immer schwerer, allen Patientinnen und Patienten auf den meist überbelegten Stationen gerecht zu werden.

Brigitte Oberle-Elskamp Joachim E. Roettgers GRAFFITI

Etwas Sinnvolles tun
Der Pfleger Daniel Gutjahr hat vor 24 Jahren als Zivildienstleistender auf Station 32 angefangen, wo schwer Alkohol- und Drogenabhängige in akuten Krisen oder bei einem Entzug begleitet werden. »Ich bin hier hängen geblieben«, sagt er lächelnd. Zuvor hatte der heute 44-Jährige mit den langen, dunkelblonden Haaren eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Aber das sei ihm »zu trocken« gewesen. »Der Kontakt mit kranken Menschen macht mir hingegen viel Spaß.« Das, obwohl er die langfristige Wirkung seiner Hilfe selten miterlebt. Dass ein Patient dauerhaft von den Drogen loskommt, erfährt Daniel Gutjahr manchmal zufällig. Dass jemand rückfällig wird und nach kurzer Zeit wieder in der Emmendinger Psychiatrie landet, erlebt er hingegen oft. Das sei manchmal zwar frustrierend, insgesamt sei er aber froh, »etwas Sinnvolles« zu tun, so der Gesundheits- und Krankenpfleger.Erschwert werde die Arbeit aber durch die chronische Überbelegung: Ausgelegt ist die Station auf 27 Suchtkranke. Tatsächlich sind dort aber oft 35, manchmal sogar 37 Menschen untergebracht. Dann werden kurzerhand weitere Betten in die Dreibettzimmer gestellt. »Wenn hier alle dicht auf dicht sitzen, schlägt das auf die Stimmung. Die Patienten werden unzufrieden – und wir auch«, sagt Daniel Gutjahr.

Anja Ettwein Joachim E. Roettgers GRAFFITI

Denn schon bei Normalbelegung ist die Arbeit eine Herausforderung. Zwar legt die Personalverordnung in der Psychiatrie (Psych-PV) anders als in somatischen Kliniken fest, wie viele Pflegekräfte, Sozialarbeiter und Therapeutinnen für eine bestimmte Zahl und Schwere von Fällen zur Verfügung stehen müssen. Doch werden die Vorgaben fast überall unterschritten. Im ZfP Emmendingen wird die Psych-PV laut Personalrat nur zu durchschnittlich 90 bis 92 Prozent erfüllt.

»Die Ursache ist die unzureichende Finanzierung«, erläutert der Personalratsvorsitzende Horst Burkhart. Um zu sparen, würden statt examinierter Pflegekräfte teilweise geringer qualifizierte Pflegehelfer eingesetzt.

Die Personaldecke ist insgesamt dünn. Fallen mehrere Kolleginnen und Kollegen wegen Krankheit oder Urlaub aus, müssen Gruppentherapien abgesagt und die individuelle Betreuung reduziert werden. Auch die konzeptionelle Arbeit bleibt oft auf der Strecke. »Man braucht diese Zeit aber, um sich weiterzuentwickeln«, sagt Brigitte Oberle-Elskamp, die ebenfalls im Personalrat aktiv ist. Zugleich ist sie überzeugt: »Unter den schwierigen Bedingungen leisten wir verdammt gute Arbeit.« Das sei nur wegen des großen Engagements der Kolleginnen und Kollegen möglich.

Teamarbeit zählt
»Alle müssen an einem Strang ziehen, sonst geht es nicht«, ist der Assistenzarzt Neme Abu Nasser überzeugt. Der 28-jährige Israeli muss oft als Dolmetscher aushelfen, um auf Arabisch zu übersetzen. »In letzter Zeit sind viele, teilweise schwer traumatisierte Flüchtlinge hierhergekommen«, berichtet er. »Die sprachliche Barriere ist für das Personal oft eine Überforderung.«

Neben Ärzt/innen und Pflegekräften gehören auch Sozialarbeiterinnen und Therapeuten zum Team. Zum Beispiel Anja Ettwein. Die Sozialarbeiterin hilft den Patienten beim Umgang mit Arbeitgebern, Vermietern und Behörden. Oftmals muss sie sich zudem um die fehlende Krankenversicherung kümmern – auch, damit die Leistungen überhaupt abgerechnet werden können. »Ich arbeite gerne mit den Menschen«, erklärt Anja Ettwein, warum sie auch nach 24 Jahren in der Emmendinger Psychiatrie noch motiviert ist. Als anstrengend empfindet die 50-Jährige, dass die Hilfe Grenzen hat. »Ich kann ein Leben, das 50 Jahre schief gelaufen ist, nicht in drei Wochen retten.«

Daniel Gutjahr Joachim E. Roettgers GRAFFITI

Von null auf hundert
Hubert Hügle, der eine allgemeinpsychiatrische Aufnahmestation leitet, macht die Arbeit immer noch Spaß – auch nach mehr als 30 Jahren. »Zu sehen, dass die Menschen mit unserer professionellen Unterstützung Schritt für Schritt in den Alltag zurückfinden, ist ein gutes Gefühl.« Doch der Job sei auch belastend, betont das Personalratsmitglied. »Man ist unter Dauerstrom, muss ständig in der Lage sein, von null auf hundert hochzufahren, wenn es Stress gibt.« Er zeigt auf das Sicherheitstelefon, das an seinem Gürtel hängt. Zieht er einen kleinen schwarzen Plastikstift heraus, werden die Pflegekräfte in der näheren Um-gebung alarmiert. Dies ist Teil des Sicherheitskonzepts, das der Personalrat zusammen mit der Geschäftsleitung entwickelt hat. Stets sind zwei dieser Telefone auf jeder Station aktiviert. Mehrfach täglich müssen die Pflegekräfte einander unterstützen, um mit gewalttätigen Patienten fertig zu werden. Zwangsmaßnahmen wie Fixierungen setzen sie dabei möglichst selten ein – allein schon, weil das viel Personal bindet, da fixierte Patienten permanent überwacht werden müssen.

Möglichst viel Normalität
Trotz der Sicherheitskonzepte und regelmäßiger Deeskalationstrainings kommt es auch immer wieder vor, dass Pflegekräfte die Polizei rufen müssen, wenn die Gewalt eskaliert. Das passiert in letzter Zeit häufiger als früher. »Die Aggressivität in der Gesellschaft wird immer größer – das kriegen wir natürlich ab«, erklärt die Stationsleiterin Brigitte Oberle-Elskamp. Dennoch setze man alles daran, möglichst viel Normalität zu schaffen, um den Heilungsprozess zu erleichtern.

Zwangsmaßnahmen wie Fixierungen werden möglichst selten eingesetzt. Joachim E. Roettgers GRAFFITI

Das ZfP Emmendingen

Das Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Emmendingen gewährleistet die stationäre psychiatrische Versorgung von rund 1,31 Millionen Menschen. Hier werden auch schwerste Fälle aufgenommen, mit denen andere Einrichtungen überfordert sind. Das Einzugsgebiet reicht von Rastatt im Norden bis zur Schweizer Grenze im Süden. Im ZfP werden jedes Jahr etwa 7.600 Fälle behandelt. Zwei Drittel der rund 1.300 Beschäftigten sind Frauen. Emmendingen ist eines von sieben Zentren der landeseigenen ZfP-Gruppe in Baden-Württemberg, bei der insgesamt rund 10.000 Menschen angestellt sind. Für das nicht-ärztliche Personal gilt der Tarifvertrag der Länder (TV-L).

Das ist auch sichtbar. So tragen die Pflegekräfte keine Kittel, sondern normale Kleidung. War das ganze Gelände bis Anfang der 1990er Jahre noch von einem hohen Zaun umgeben, gilt das heute nur noch für die forensische Psychiatrie, in der rund 180 psychisch oder suchtkranke Straftäter untergebracht sind.

Die anderen Klinikgebäude liegen offen in einem idyllischen Park. Abgeschlossen sind sie nicht. Die Patientinnen und Patienten sollen sich möglichst frei bewegen können. »Wir arbeiten für eine humane Psychiatrie«, bringt es Brigitte Oberle-Elskamp auf den Punkt. Das gehe aber nur, wenn die Kliniken ausreichend finanziert und mit genügend Personal ausgestattet sind.

 

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