Rettungsdienst

Arbeitszeit und Gesundheit

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Arbeitszeit und Gesundheit

Infopost Rettungsdienst: Arbeitszeit und Gesundheit ver.di Infopost Rettungsdienst: Arbeitszeit und Gesundheit

Sichere und gesunde Arbeitsbedingungen stehen für sozialen Fortschritt und müssen – wie vieles im Arbeitsleben – erkämpft werden. Die Arbeitsdauer bestimmt, wie lange ich den Belastungen ausgesetzt bin. Beides muss so begrenzt werden, dass ich mich wieder erholen kann. Und zwar so, dass ich nicht nur eine Arbeitstag überstehen kann, sondern das gesamte Arbeitsleben. Der Mensch unterliegt sowohl biologischen als auch sozialen Rhythmen. Arbeitszeiten können diesen  entgegenlaufen oder damit desynchronisiert sein, wenn sie sehr variabel oder irregulär sind oder Abend-, Nacht- und/oder Wochenendarbeit beinhalten.

Lange Arbeitszeit macht gesundheitliche Probleme. Lang andauernde Schichten und häufige Überstunden führen etwa zu einer Erhöhung des Herzinfarktrisikos um den Faktor 7,3. Zahlreiche Studien belegen den Zusammenhang zwischen Beeinträchtigungen der Gesundheit und langer Arbeitszeit. Exemplarisch sei hier eine Untersuchung von Beschäftigten mit einer Arbeitszeit von über 45 Stunden /Woche (ISO-Studie „Arbeitszeit ‘99“, 4000 Befragte) zitiert:

  • 80 Prozent klagen über Stress
  • 32 Prozent beklagen Nervosität
  • 25 Prozent leiden an psychischer Erschöpfung
  • 18 Prozent klagen über Magenschmerzen

Vieles weist darauf hin, dass mit zunehmendem Alter längere Wochenarbeitszeiten zu stärkeren Beeinträchtigungen führen als in jüngeren Jahren. Oder anders ausgedrückt: Längere Arbeitszeiten lassen sich in jungen Jahren eher verkraften, während die Effekte längerer Arbeitszeiten sich in den späteren Jahren des Berufslebens auf Grund der vorausgegangenen Vorbelastungen dafür umso stärker in Beeinträchtigungen niederschlagen.

Bernd Callies ver.di Bernd Callies  – Bernd Callies, arbeitet seit circa 18 Jahren im Rettungsdienst als Notfallsanitäter/ Rettungsassistent

Bernd Callies, arbeitet seit circa 18 Jahren im Rettungsdienst als Notfallsanitäter/Rettungsassistent: "Ich habe 1986 mit der Notfallrettung ehrenamtlich begonnen, da war ich noch ein junger und unerfahrener 18-jähriger und lachte, wenn meine Kollegen morgens ihren Dienst beendeten und darüber klagten, wie sich die Nachtschicht jedes Jahr schlimmer bemerkbar machte. Heute lache ich nicht mehr, denn heute bin ich 50 Jahre und jede Nachtschicht fällt mir schwerer. Was auch in die Knochen geht ist die Arbeitsbereitschaft, lange Schichten jedes zweite Wochenende, Dienst und immer von null auf hundert. Ich liebe diesen Job und ich möchte den Beruf bis zur Rente machen, aber es sollte doch endlich mal honoriert werden, was wir jeden Tag leisten – den Job machen wir schließlich gut."

Wolfgang Klein, Rettungsdienst Karlsruhe: "Von uns Alten wird oft auf die Jungen geschimpft. Die hätten keine Lust auf Nacht- und Wochenenddienste – die sind nach kurzer Zeit schon völlig demotiviert. Ich glaube, die Jungen haben Recht. Sie wollen Rettungsdienst und Notfallmedizin machen und nicht die strukturellen Mängel des Sozial- und Gesundheitswesens kompensieren und vor allem: Sie wollen gar nicht erst so werden wie wir: Im Geiste ausgebrannt und frustriert, körperlich oft krank und im besseren Fall dauerhaft müde und erschöpft. Vom normalen gesellschaftlichen Leben praktisch ausgeschlossen – als psycho-soziales Aufräumkommando jede Nacht missbraucht."

Kevin Hog , Rettungsassistent: "Tag und Nacht unter absoluter Anspannung seinen Dienst zu erbringen, erfordert viel Kraft und Nerven. Es kommt nicht selten vor, das Kolleginnen und Kollegen ausgebrannt sind. Zugeben tut das natürlich niemand. In meinem jungen Alter darf man das Wort Burnout aber nicht in den Mund nehmen. Aber was passiert mit mir in zehn Jahren? Abgesehen von der psychischen Belastung ist unser Beruf auch eine körperliche Belastung. Immer übergewichtigere Patienten von A nach B zu schleppen? Das macht auch ein junger Rücken nicht lange mit. Gesundheitsförderung im Rettungsdienst? Fehlanzeige!"

Was tun?

Norman Kalteyer, seit 30 Jahren im Rettungsdienst: "Zuhause bin ich nach der Arbeit meist völlig platt, die freien Tage brauche ich zur Erholung. Aber dann klingelt das Telefon, und die Anfrage kommt, ob ich nicht kurzfristig einspringen könnte, weil wieder jemand krank geworden ist. Da kann man auch nicht immer nein sagen, den Kolleginnen und Kollegen geht es ja genauso. Deshalb ist der Einstieg in die Verkürzung der Wochenarbeitszeit, wie wir sie jetzt beim DRK erreicht haben, so wichtig. Denn das bringt wieder mehrere Planstellen. Allerdings müssen die dann auch besetzt werden. Ob das gelingt? Ich hoffe es."

Uwe Ammoneit ver.di Uwe Ammoneit

Uwe Ammoneit, Notfallsanitäter: "Gegen schlechte Arbeitszeiten kann man was tun: Dienstplangestaltung beinhaltet immer auch Mitbestimmungsrechte und das bedeutet: Dienstpläne, die ohne Zustimmung des Betriebsrates erscheinen, sind rechtswidrig. Deshalb müssen Betriebsräte in der Lage sein, Dienstpläne qualifiziert zu überprüfen. Und das bedeutet bestenfalls, dass sie in der Lage sind, Dienstpläne auch selbst zu erstellen.

Dazu braucht man: Kenntnisse über den rechtlichen Rahmen (z.B. Arbeitszeitgesetz und andere Schutzgesetze, Tarifvertragsregelungen, ggf. regelmäßige Rechtsprechung) und die Fähigkeit zur Ermittlung eines Personalbedarfs (= Relation der Netto-Jahresarbeitszeit zu den Jahresfunktionsstunden). Bereits im Planungsstadium sollten die Kolleg/innen den aktuellen Planungsstatus selbst einsehen können und dabei auch die Möglichkeit erhalten eigene Freizeit- und Tauschwünsche zu äußern. Das Ziel einer guten Dienstplangestaltung ist außerdem, möglichst anhand eines Jahresrahmendienstplanes, eine langfristige Planungssicherheit zu gewährleisten. Die Jahresurlaubsplanung soll dabei ein fester Bestandteil des Jahresrahmendienstplans sein. Die Regeln zur Arbeitszeit-, Dienstplangestaltung und Urlaubsplanung sollten immer in entsprechenden Betriebsvereinbarungen verbindlich festgelegt werden."

Stefan Grünewald ver.di Stefan Grünewald

Stefan Grünewald, im Rettungsdienst in Rheinland-Pfalz: "Als Mitglied in der ver.di-Bundestarifkommission für Reformtarifvertrag des DRK konnten wir mit den Kollegen und Kolleginnenzusammen erreichen, dass es in den nächsten drei Jahren eine Reduzierung der Arbeitszeit der wöchentlichen Arbeitszeit von bis zu vier Stunden (inkl. Umkleidezeiten) in der Woche, stattfinden wird."

Kurz nachgefragt...

...bei Werner Schwemmle, Notfallsanitäter beim DRK

Werner Schwemmle ver.di Werner Schwemmle

Was kann ich tun, um den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz zu verbessern? Ich wende mich an den Betriebsrat und die Mitglieder des Arbeitsschutzausschusses oder die Sicherheitsbeauftragte und weise auf die Missstände hin. Hier kann ich auch meine Lösungsvorschläge vorstellen.

Welche sind das? Zum Beispiel Rampen oder Hydraulik im KTW für den Tragestuhl, das ist zwar schon alt, haben aber immer noch nicht alle. Dann muss man den Tragestuhl nicht mehr anheben. Oder Rollbretter zum Umlagern der Patient/innen. Die können auch beschafft werden und erleichtern den Arbeitsalltag.

Und wenn es keinen Betriebsrat gibt? Dann wendet euch an ver.di, die helfen euch bei der Gründung eines Betriebsrats. Wenn es den Betriebsrat nicht gibt, können Verbesserungen nicht so leicht durchgesetzt werden, weil man auf das Gutdünken des Arbeitgebers angewiesen ist. Als einzelner Arbeitnehmer kann man nicht so viel durchsetzen.

Engagierst du dich auch selbst? Ja, ich bin Betriebsrat und im Arbeitsschutzausschuss. Außerdem bin ich in der ver.di-Bundestarif- und Bundesfachkommission. Der Austausch mit den Kollegen der anderen Bundesländer bringt mich immer wieder auf neue Ideen und hilft bei der Umsetzung im Betrieb.