Psychiatrie

Nach dem Tarifabschluss ist vor den Tarifverhandlungen

Psychotherapeut/innen

Nach dem Tarifabschluss ist vor den Tarifverhandlungen

Beitrag von ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler in "VPP aktuell"

 

Psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten (PP) sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und -therapeuten (KJP) sind in der vertragsärztlichen Versorgung den Fachärztinnen und -ärzten gleichgestellt. Für ver.di, die größte Gewerkschaft im Gesundheitswesen, ist es selbstverständlich, diese Gleichstellung auch im Tarifrecht nachzuvollziehen. Deshalb war es für uns nur konsequent, bei den Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgebern über eine neue Eingruppierung die facharztäquivalente Vergütung zu fordern. Für den Abschluss eines Tarifvertrages braucht es allerdings immer auch die Unterschrift der Arbeitgeberseite. Und die Vereinigung kommunaler Arbeitgeberverbände hat erklärt, auf keinen Fall einer tariflichen Eingruppierung in die Entgeltgruppe 15 zuzustimmen. Fachliche Argumente waren nicht gefragt. Man habe kein Problem, die Stellen zu besetzen, wurde mehrfach betont.

Berechtigter Wunsch nach Anerkennung

Ich kann die Enttäuschung gut verstehen, dass wir diese Forderung nicht vollständig durchsetzen konnten. Vordergründig geht es um die Bezahlung. Aber es geht auch um die Anerkennung der langen, oft teuren Ausbildung und um die Akzeptanz, dass PP und KJP mit Fachärztinnen und Fachärzten gleichgestellt sind. Bei den Protesten, die uns erreicht haben, war ich über zwei Dinge verwundert: Erstens, dass die Beschwerde an die Gewerkschaft gerichtet ist, die sich doch die gewünschte Forderung zu Eigen gemacht hatte und deshalb gar nicht von deren Richtigkeit überzeugt werden musste. Und zweitens, dass viele PP und KJP darunter waren, die selbst gar nicht Mitglied von ver.di sind.

Unsere Mitglieder machen ver.di stark und durchsetzungsfähig. Ohne sie gäbe es keine Gewerkschaft und keine Tarifverhandlungen. Deshalb vertreten wir auch in erstere Linie die Interessen unserer Mitglieder. Wir sind eine Selbsthilfeorganisation, in der sich abhängig Beschäftigte zusammenschließen, um sich gemeinsam für gute Arbeitsbedingungen und eine gute Bezahlung stark zu machen. Dabei kommt es nicht darauf an, ob man einer kleinen oder großen Berufsgruppe angehört. ver.di vertritt alle Berufe im Gesundheitswesen. Das ist für solidarische Belegschaften wichtig. Es ist aber auch Grundlage einer guten Versorgung, dass die unterschiedlichen Professionen im Gesundheitswesen kooperieren und sich nicht gegeneinander ausspielen lassen.

Doch trotz der hohen Arbeitsbelastung und oft noch zu geringen Bezahlung konnte sich bisher nur die Minderheit entschließen, selbstbewusst die eigenen Interessen in die Hand zu nehmen und Mitglied bei ver.di zu werden. Trotzdem sind die Erwartungen, was ver.di durchsetzen soll, regelmäßig hoch, besonders bei Beschäftigten, die selbst nicht organisiert sind. Auch Arbeitgeber wissen in der Regel ziemlich gut, wie der Organisationsgrad in ihren Einrichtungen ist. Und nicht wenige nutzen die Geduld und die menschliche Haltung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schamlos aus.

Höchste Zeit für Entgeltordnung

Einige vertreten die Auffassung, dass es besser gewesen wäre, gar nichts zu regeln, anstatt eine von den Fachärztinnen und Fachärzten abweichende Regelung zu akzeptieren. Emotional kann ich das nachvollziehen, als Tarifpolitikerin nicht. Denn mit der neu vereinbarten Entgeltgruppe 14 haben wir die bisherige Rechtslage verbessert. Nach bisherigem Tarifrecht konnten PP in die EG 13 eingruppiert werden, was viele Kliniken getan haben. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Deshalb gibt es auch viel Zustimmung. Mitglieder freuen sich, dass sie 300 bis 400 Euro mehr haben, KJP sogar teilweise bis zu 800 Euro, wenn im Januar 2017 die neue Entgeltordnung in Kraft tritt.

Die Arbeitgeber haben sich viel Zeit gelassen, bevor sie bereit waren, die bereits 2005 vereinbarten Verhandlungen über neue Eingruppierungsregelungen aufzunehmen. In dieser Zeit haben sie viel Geld gespart, weil Bewährungsaufstiege weggefallen sind und Ausbildungsreformen bei etlichen Berufen im Tarifrecht nicht nachvollzogen wurden. Deshalb drängte ver.di darauf, im Rahmen der Tarifrunde 2016 endlich eine neue Entgeltordnung zu vereinbaren. Wir haben für viele Berufe über eine Aufwertung verhandelt. Zwar haben wir im ersten Anlauf nicht alles Geforderte erreicht, doch der Anfang ist gemacht: Für viele gibt es ab Januar 2017 mehr Geld.

Die neue Entgeltordnung war ein großer Kraftakt. Es ging von Anfang an um ein Gesamtpaket, alles stand immer unter dem Vorbehalt der Gesamteinigung. Auf einen Abschluss für hunderttausende Beschäftigte und Mitglieder zu verzichten, weil ein paar Berufe höhere Erwartungen an das Ergebnis hatten, war keine Option. Klar ist aber auch: Es muss nicht immer Jahrzehnte dauern, bis die Eingruppierung angepasst wird. Nach dem Tarifabschluss ist vor den Tarifverhandlungen.

Gemeinsam mehr erreichen

ver.di hält an der Forderung fest, dass eine Eingruppierung der PP und KJP auf Facharztniveau sachgerecht ist. Deshalb bleiben wir dran am Thema. Gut, wenn wir dabei die Unterstützung der betroffenen Kolleginnen und Kollegen haben. Dass die Berufsgruppe aktiv sein kann, hat sie gezeigt. Viele Mails und Briefe wurden geschrieben und zahlreiche Unterschriften gesammelt. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass die Proteste diejenigen erreichen, die bisher noch nicht einsichtig sind: Jene, die eine tarifliche Gleichstellung mit den Fachärztinnen und Fachärzten nicht für nötig erachten.

Es stehen noch zahlreiche Tarifverhandlungen an, auch mit Gesundheitskonzernen. Hier können wir gemeinsam aktiv werden. Die beste Botschaft an die Arbeitgeber ist ein hoher Organisationsgrad. Damit zeigen die Beschäftigten: Es ist kein Gegensatz, sich für die Gesundheit anderer zu engagieren und dabei die eigenen Interessen zu vertreten.

Zeit zu Handeln

Nicht nur die Entgeltordnung beschäftigt uns. Psychotherapeutinnen und -therapeuten stehen vor vielen Herausforderungen und es ist höchste Zeit, sich wirkungsvoll Respekt zu verschaffen. Gut, wenn junge Kolleginnen und Kollegen damit schon in der Ausbildung anfangen. Es ist nicht richtig, dass Psychotherapeut/innen in Ausbildung (PiA) während ihrer praktischen Tätigkeit keine oder nur eine geringe Vergütung bekommen. Auch hier unterstützen wir Aktionen und Proteste.

Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag für diese Legislaturperiode versprochen, das Psychotherapeutengesetz zu überarbeiten. Es ist überfällig und wir bringen uns ein. Ein weiteres großes Thema im Gesundheitswesen ist die Personalausstattung. Aktuell verteidigen wir im neuen PsychVVG (Gesetz zur Weiterentwicklung der Versorgung und Vergütung psychiatrischer und psychosomatischer Leistungen) die Psychiatrie-Personalverordnung. Sie muss weiterentwickelt werden, aber erst einmal müssen wir sie absichern. Wir wollen durchsetzen, dass die Kliniken das Geld, das sie für Personal bekommen, auch für Personal ausgegeben und nicht in Bauarbeiten oder Profite der privaten Krankenhausbetreiber umleiten.

Jetzt werden auf Jahre hinaus die Weichen für gute Patientenversorgung und Arbeitsbedingungen gestellt. Markt und Wettbewerb, worauf so viele Politiker gesetzt haben, richten es nicht. Höchste Zeit zum Handeln. Gemeinsam.

Sylvia Bühler ist Mitglied des Bundesvorstands der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di und Leiterin des Fachbereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen.

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