Psychiatrie

»Ein Kampf Alt gegen Jung«

Psychiatrie

»Ein Kampf Alt gegen Jung«

Peter Schmitt: Du hast die Ausbildung in Gießen gemacht. Wie war das?

Manfred Huberti: Ich habe in Gießen zunächst die Krankenpflegehilfeausbildung gemacht, 1972 im Sommer angefangen, dann die Krankenpflegeausbildung und dann die Fachweiterbildung Psychiatrie. Die Entscheidung, damals in die Psychiatrie zu gehen – ich hatte vorher nie eine Psychiatrie von innen gesehen – war eine rein finanzielle Entscheidung, weil der Landeswohlfahrtsverband (LWV) damals besser bezahlt hat als alle anderen. Ich hatte auch einen anderen Ausbildungsplatz in der Uni-Klinik, da hätte ich 400 DM netto gehabt im Monat, und der LWV hat mehr bezahlt, das waren

900 DM, eine Differenz von 500 DM. Das war die Entscheidung. Und als ich dann da war, habe ich mir die Psychiatrie angesehen und gedacht: Hier kannst Du bleiben.

Wie war damals die Stationsgröße, wieviel Personal gab es?

Es waren im Grunde genommen katastrophale, menschenunwürdige Zustände. Es war genau das, was nach 1975 auch im Enquête-Bericht festgehalten wurde, dass die Menschen dort unter schlimmsten Bedingungen leben. Wir hatten noch die Trennung nach Geschlechtern, eine Männer- und eine Frauenseite. Ich fing auf der Frauenseite an zu arbeiten. Die Station hieß auch nicht Station, sondern Wache. Ich war auf der Frauenwache 2, und die Patienten und Besucher sagten auch Wärter zu uns. Also Pflegepersonal war gar nicht so drin. Es gab dort vom Personal her eine examinierte Schwester, das war die Stationsschwester. Der Rest, das waren mehr oder weniger Leute, die mit viel gutem Willen versuchten, irgendetwas zu machen – Hausfrauen. Da hatte niemand eine Ausbildung. Wir waren die ersten, die da rein kamen und eine Ausbildung machten. Es war schlimm. Auf dieser Wache Nr. 2 waren drei Schlafsäle mit je 20 Patientinnen, insgesamt 60. Die waren eingesperrt den ganzen Tag. Die hatten nichts Persönliches. Sie trugen Anstaltskleidung. Es waren keine Griffe an den Türen und Fenstern, an den Toilettenspülungen. Sie mussten mit dem Löffel essen, es gab kein Besteck. Es war furchtbar. Die einzige Aufgabe damals für das Pflegepersonal war im Grunde genommen, Zwischenfälle zu vermeiden und für Ruhe zu sorgen. Das war alles. Die Menschen wurden dort regelrecht unter schlimmen Bedingen verwahrt, und der Begriff Verwahrpsychiatrie, der trifft dort absolut zu, weil dort nichts passierte. Das war schlimm.

Dann kam die Psychiatrie-Enquête, die die Zustände fest - gestellt hat. Gab es da schon eine Änderung oder erst später?

Die Veränderungen begannen, während die Enquête in Arbeit war. Meines Wissens begann es, als ich 1972 anfing. Der Geschäftsführung wurde damals die neu gegründete Aktion „Psychische Kranke“ übertragen. Das waren Betroffene, Psychisch Kranke, Angehörige, aber auch in der Psychiatrie Tätige. Gleichzeitig hatte sich auch die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie um diese Zeit gegründet, mit ihrer Untersektion hier in Hessen, die HEGSP. Da hatten wir auch junge Ärzte, die damals aktiv waren. Da fing es nach und nach an, sich zu verändern, zum Beispiel Messer und Gabel einzuführen. Da gab es damals einige, die sagten: „Wenn hier Messer und Gabel eingeführt werden, werde ich hier nicht mehr arbeiten. Das ist zu gefährlich.“ So verrückt war das halt. Es fing langsam an, sich etwas zu verändern, etwa dass Griffe an die Türen kamen. Es gab sogar welche, die dachten über Enthospitalisierungs-programme nach. Das hat uns Jungen, die damals da arbeiteten, natürlich total begeistert. Wir haben mitgemacht. Aber die Bemühungen zur Enthospitalisierung hatten erst mal zur Folge, dass diese schwer hospitalisierten Patientinnen den ganzen Tag auf ihrem Stuhl saßen und schaukelten, und völlig ruhig waren, oder teilweise wieder richtig verrückt wurden, und auch unruhig, weil sie Angst hatten.

Wir haben sie angezogen und sind mit ihnen rausgegangen, und die haben Angst bekommen. Da haben die Alten gesagt: „Seht ihr! Die waren die ganze Zeit so schön ruhig, und jetzt kommt ihr und jetzt wird es unruhig, und ihr macht uns die Patienten verrückt.“

Wir haben dann provokativ gesagt: „Ihr habt 37 Jahre lang beruhigt. Wir sind bewusst gekommen, um die Patienten zu beunruhigen.“ Das hat noch zu mehr Unfrieden geführt. Da gab es von den Alten welche, die haben die Kurve gekriegt und haben mitgemacht. Andere sind irgendwann resigniert in Rente gegangen und haben gesagt: „Was war das früher hier so schön.“

Ich hatte den Eindruck als ich 1972 hier anfing, dass 1945 bis 1972 nichts passiert war in der Psychiatrie, außer dass man die Menschen nicht mehr umgebracht hat. Aber das, was dann die Hessische Gesellschaft für Soziale Psychiatrie und auch die Grünen, die dafür angegriffen wurden, sagten, dass auch heute noch in der Psychiatrie Menschen den sozialen Tod sterben, heute bezogen auf 1972, das hat absolut gestimmt.

Dann kam die Psychiatrie-Personal-Verordnung. Wie war es dann? Gab es mehr Personal, neu Berufe?

1975 wurde der Enquête-Bericht vorgelegt. Die PsychPV hat dann noch gut 15 Jahre gebraucht. Ende 1990 wurde die PsychPV verabschiedet und trat am 1. Januar 1991 in Kraft. Das waren 15 Jahre. Es war etwas Revolutionäres, weil mit der PsychPV eine Finanzierungsgrundlage geschaffen wurde für die Psychiatrie, angelehnt an die Forderung der Enquête, eine wesentliche Forderung, dass die psychisch Kranken den somatisch Kranken gleichgestellt sind. Dass es ein Finanzierungssystem gab, dass ausreichende Budgets zu Verfügung stellte, und eine messbare, vorgeschriebene Mindestpersonaldecke an Fachpersonal – bezogen auf die Berufsgruppen: Ärzte, Psychologen, Schwestern und Pfleger, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten.

Die großen Gewinner waren damals die Sozialarbeiter, deren Anhalts- Zahlen hatten sich nahezu verdoppelt. Die großen Verlierer waren die Physiotherapeuten bzw. die alten Bewegungstherapeuten, die damals schon in der Psychiatrie mit speziellen Ausbildungen vorhanden waren. Denn die PsychPV kannte damals, und kennt bis heute nicht, diese Bewegungstherapeuten, sondern nur Krankengymnasten. Das war dann bemessen an den gerontopsychiatrischen Bereichen, und das hat für die Klinik insgesamt nicht gereicht. Die Arbeitsbedingungen hatten sich schon auch bis zur PsychPV hin in vielen Teilen wesentlich verändert. Es hat ein Rollenwandel stattgefunden. Ich spreche jetzt mal von den Pflegenden, hin vom Wärter zum Pfleger. Darüber habe ich übrigens 1979 eine Arbeit geschrieben. Ich habe heute Morgen geguckt, die Arbeit gibt es noch. Die Umstrukturierung der Großkrankenhäuser war im vollen Gange. Wir hatten lange keine 1.000 Betten mehr wie 1972 und 1990 schon. Die Ausgliederung der geistig Behinderten lief, und es war viel passiert. Plötzlich hatten wir auch genug Personal, und es war wirklich Fachpersonal. Dann wurde es so erlebt, dass die PsychPV eine Aufwertung der in der Psychiatrie Tätigen war. Man hatte das Gefühl, jetzt ist damit die Gleichstellung mit den somatisch Kranken erreicht, aber auch die Gleichstellung der in der Psychiatrie Arbeitenden mit den in der Somatik Arbeitenden umgesetzt.

Wir haben nicht mehr 1.000, sondern nur noch 200 Patienten. Es gibt teilstationäre Behandlungen, ambulante Behandlungsmöglichkeiten, rehabilitative und komplementäre Behandlung. Das ist das, was als Versorgungskette gefordert wurde. Die Aufgliederung der geistig Behinderten und psychisch Behinderten. Das haben wir alles gemacht. Das war ein enorm langer Weg. Es gab immer welche, die da mitgemacht haben, und immer Gruppen, die dagegen gearbeitet haben. Es war halt schwierig.

Die PsychPV soll nach 2018 nicht mehr gelten. Was hältst Du davon?

Für mich ist dies das Thema „Steckengebliebene Reform“. Wenn es ein großer Reformschritt gewesen ist, eine auskömmliche Finanzierungsgrundlage für Diagnosen etc. zu schaffen, gemessen an dem Klientel, das eine Klinik hat, und auf dieser Basis eine ausreichende Fachpersonalquote zu Verfügung zu stellen, dann scheint jetzt alles weg davon zu gehen hin zu einem pauschalen Vergütungssystem. Für mich sind das im Grunde genommen ganz klar Sparbemühungen, einerseits bei den Kostenträgern und andererseits dann auch bei den Krankenhausträgern selbst. Wenn die keine ausreichenden Budgets mehr haben, wie wir sie jetzt Gott sei Dank noch haben, werden sie dennoch unter dem Zwang stehen, auch in Zukunft Rücklagen zu bilden und Gewinne zu machen. Das geht dann eben nur durch Absenkung der Fachquote. Das ganze Thema wird ja auch im Vitos-Konzern längst diskutiert. Eine Absenkung der Fachquote, Ersetzen qualifizierten Personals durch Hilfskräfte, das wirkt am Ende durch bis auf die Patienten – das ist völlig klar – aber es verändert auch für die Kollegen und Kolleginnen die Arbeitsbedingungen dramatisch. Da habe ich große Sorge, wie sich diese Entwicklung am Ende auswirken wird.

Es wäre deiner Ansicht auch ein Rückschritt?

Ein schlimmer Rückschritt. Ein ganz schlimmer Rückschritt.

Lieber Manfred, ich danke Dir herzlich für dieses Interview.

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