Psychiatrie

Zunahme von Gewalt gegen Beschäftigte

Psychiatrie

Zunahme von Gewalt gegen Beschäftigte

Es ist ein Dunkelfeld: Zwar ist der Arbeitsunfallstatistik (PDF-Datei, 1,6 MB) zu entnehmen, dass 2016 25% der meldepflichtigen Unfälle in psychiatrischen Krankenhäusern unter die Kategorie „Gewalt, Angriff, Bedrohung“ fielen. Während die Unfälle in dieser Kategorie insgesamt etwas zurückgegangen sind, haben sie sich in psychiatrischen Krankenhäusern noch einmal leicht gesteigert (2015 – 23%). Doch weitere Daten z.B. zu Vorkommnissen unterhalb dieser Schwelle werden unternehmensübergreifend nicht erhoben, auch für ambulante Einrichtungen liegen keine Zahlen vor.

Diagramm. Auswertung der Umfrage zu Gewalt gegen Beschäftigte in der Psychiatrie ver.di Auswertung der Umfrage zu Gewalt gegen Beschäftigte in der Psychiatrie

Betriebliche Interessenvertretungen, ob in psychiatrischen Krankenhäusern, Forensiken oder in der Gemeindepsychiatrie, fühlen den Puls im Betrieb und agieren im Interesse der Kolleg/innen. Deshalb hat ver.di sie von April bis Juni 2017 in einer nicht repräsentative Onlineumfrage befragt. Die Ergebnisse sind beunruhigend, was das Ausmaß der Gefährdung durch Gewalt angeht. Sie zeigen aber auch viele konstruktive Initiativen der Interessenvertretungen.

Gewalt und Aggression gegen Beschäftigte haben den Interessenvertretungen zufolge stark zugenommen. 80% der Antwortenden gaben an, dass in ihrer Einrichtung physische Angriffe mit Arbeitsunfähigkeitstagen in den letzten 5 Jahren zugenommen haben; fast 40% stellten eine starke Zunahme fest. Bei den Angriffen ohne Arbeitsunfähigkeit waren es insgesamt 87-89% (starke Zunahme: 44-68%). Eine Abnahme wurde nur in sehr wenigen Fällen vermerkt. Gesundheitsgefährdung durch Übergriffe ist damit ein dringliches Thema.

Bei dessen Bearbeitung ist allerdings noch viel zu tun. Das beginnt schon damit, die Probleme überhaupt genau zu erfassen. In 81 % der Einrichtungen findet eine Dokumentation statt. Aber viele Übergriffe, insbesondere verbale, aber auch körperliche, werden auch dort gar nicht dokumentiert. Dies liegt häufig daran, dass die Beschäftigten dies selbst tun müssen. Stellvertretend für viele schreibt ein Betriebsrat: „Viele alltägliche "kleine Übergriffe" werden von den Beschäftigten nicht dokumentiert und für "normal" befunden“. Nur sehr wenige Interessenvertretungen gehen davon aus, dass wirklich alle Übergriffe erfasst werden. Doch auch solche vermeintlich niedrigschwelligen Erlebnisse können auf Dauer psychisch stark belasten.

Betroffen sind ganz überwiegend Pflegekräfte. Aber auch andere Berufsgruppen und andere Patient/innen werden Opfer von Übergriffen. Gewalttätige Vorfälle häufen sich insbesondere auf den Akut- und Aufnahmestationen und in geschlossenen Bereichen.

Der Personalmangel in der Pflege wird als eine Hauptursache für die Zunahme von Gewalt angesehen. 83% der Teilnehmenden sehen ihn als Ursache für die Zunahme von Gewalt an. Dem entspricht, das nur in einer verschwindend geringen Anzahl von Einrichtungen die PsychPV zu 100% erfüllt wird. In drei von fünf Einrichtungen arbeiten den Informationen der Interessenvertretungen zufolge weniger als 90% der nach PsychPV notwendigen Pflegekräfte. In Einrichtungen, in denen angegeben wurde, dass der Erfüllungsgrad der PsychPV in der Pflege unter 90% liegt, wurde folgerichtig eine stärkere Zunahme von Übergriffen berichtet. In 94% dieser Einrichtungen haben die Angriffe mit Arbeitsunfähigkeit zugenommen. Die Überbelegung, die am zweithäufigsten genannt Ursache, ist die Kehrseite des Personalmangels. Denn meistens wird sie nicht durch mehr Personal kompensiert. Dazu kommt die dann auftretende Enge und mangelnde Privatsphäre. Verhaltensbedingende Faktoren wie die mangelnde Qualifikation oder mangelnde Schulung spielen daneben eine geringere, wenn auch nicht zu vernachlässigende Rolle.

Ein häufig explizit benannter Faktor sind die Veränderungen der Rechtslage zur Zwangsmedikation. Die von ver.di begrüßte Stärkung von Patient/innenrechten auch an dieser Stelle führt zu erhöhten Gefährdungspotentialen, denen bisher nur unzureichend begegnet wird.

Viele Interessenvertretungen berichten, dass die Aufmerksamkeit für das Thema beim Arbeitgeber gestiegen ist, oft aufgrund der hartnäckigen Arbeit der Beschäftigtenvertretungen. Allerdings werden Gegenmaßnahmen oft nicht flächenendeckend, sondern – vermutlich – eher an Brennpunkten umgesetzt. Ein allgemein anerkanntes Best-Practice-Modell existiert augenscheinlich nicht. So ergibt sich ein bunter Flickenteppich von Maßnahmen.

Knapp 70% der teilnehmenden Interessenvertretungen haben sich schon mit dem Thema befasst. Sie arbeiten mit an der Verbesserung der Dokumentation, informieren Beschäftigte, fordern Gefährdungsbeurteilungen ein und verhandeln über Prävention und Deeskalation, Notfall- und Nachsorgemaßnahmen. Allerdings wird in der Umfrage auch deutlich, dass das Einfordern echter Konsequenzen oft viel Beharrlichkeit verlangt. Sehr deutlich formulieren die Befragten, dass das Problem ohne eine Veränderung der Rahmenbedingungen, sprich der Personalsituation und der baulichen Infrastruktur, nicht zu beheben sein wird. „Mehr Geld in Steine und mehr Geld für Beine“, wurde es in einer Antwort prägnant formuliert.

Es wird deutlich, dass das brennende Thema Gewalt gegen Beschäftigte  inzwischen zunehmend bearbeitet wird. Das ist angesichts der berichteten erheblichen und belastenden Zunahme solcher Vorfälle gut so. Allerdings stehen viele Einrichtungen zum Zeitpunkt der Umfrage im Frühsommer 2017 noch am Anfang der Bearbeitung. Da es zwar viele gesetzliche Vorschriften zum Arbeitnehmerschutz gibt, die jedoch oft wenig konkretisiert sind, gibt es eine Suchbewegung nach möglichen Strategien, um die notwendigen Veränderungen durchzusetzen. Daran arbeiten Interessenvertretungen in vielen Betrieben mit viel Einsatz und Kompetenz. Sie fordern jedoch auch nachdrücklich ein Arbeitsumfeld, in dem diese Anstrengungen überhaupt erst Erfolg haben können.

Fazit: Eine Verbesserung der Personalausstattung inklusive einer PsychPVplus, also einer verbesserten Personalbemessung, ein Auflösen des Investitionsstaus, und eine Umsteuerung der Anreizsysteme, die den Versuch beendet, soziale  Beziehungen in einem sensiblen Feld wie der Psychiatrie zu rationalisieren – dieses umzusetzen, steht die Politik in der Verantwortung.

Eine Langfassung dieser Auswertung ist im ver.di-Mitgliedernetz in der Gruppe „ver.di in den psychiatrischen Einrichtungen“ zugänglich (direkter Zugang für Gruppenmitglieder). Um Zugang in die Gruppe zu erhalten, schreibt bitte an kerstin.motz@verdi.de.

ver.di bietet regelmäßig Seminare zum Thema für Interessenvertretungen an. Die nächsten Seminartermine könnt ihr hier recherchieren.

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