Psychiatrie

"Ignorieren ist keine Lösung"

"Ignorieren ist keine Lösung"

Gewalt gegen Beschäftigte in der Psychiatrie. ver.di diskutiert Gegenstrategien

„Gut, dass ihr das Thema aufgreift“ – schon im Vorfeld des Seminars „Gewalt gegen Beschäftigte in der Psychiatrie“ am 8./9.6. in Fulda waren die Rückmeldungen eindeutig.  Der Andrang zum Seminar war so groß, dass sehr viele Interessierte auf ein weiteres Seminar im Januar 2018 verwiesen werden mussten.

Das Thema ist nicht einfach zu bearbeiten. Lange Zeit war die Furcht vor Stigmatisierung der Patient/innen und der Beschäftigten in den Einrichtungen groß. In letzter Zeit setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass Ignorieren oder Bagatellisieren keine Lösung ist; insbesondere weil viele Beschäftigte berichten, dass aggressive und gewalttätige Situation zunehmen.

Die Reflexion über Begrifflichkeiten, Ursachen und Folgen von Aggression und Gewalt ist damit ein wichtiger Bestandteil professioneller Arbeit in der Psychiatrie und legte auch im Seminar eine Grundlage für die weiteren Diskussionen.

Neben konstruktiver Zusammenarbeit berichteten Beschäftigte im Seminar auch, dass es immer noch von Arbeitgeberseite zu Reaktionen kommt wie „Du weißt doch, wo du arbeitest, da kommt das halt vor“, „Wenn sie das nicht abkönnen, können Sie hier eben nicht arbeiten“ oder „Da können wir leider nichts machen“. Dass es auch anders geht, dass zeigen die im Seminar berichteten positiven Beispiele. Oft sind es die betrieblichen Interessenvertretungen, die Arbeitgeber dazu bewegen, Gewaltvermeidung, Prävention, Notfallsysteme und Nachsorge endlich ernst zu nehmen.

In vielen Fällen beginnt das mit einer konsequenten Dokumentation der verschiedenen Typen von Übergriffen. Solange nicht klar ist, wo und in welcher Form Aggressionen auftreten, können auch weder Ursachen noch Handlungsmöglichkeiten vernünftig geklärt werden. In großen Trägerverbünden wie den bayerischen Bezirkskliniken, den Zentren für Psychiatrie und Vitos in Hessen wird inzwischen eine koordinierte und zentrale Erfassung von Übergriffen durchgeführt. Dass die Erfassung von Übergriffen gegen das Personal, insbesondere wenn sie unter der Schwelle der Meldepflicht an die Berufsgenossenschaft fallen, noch bei weitem nicht überall konsequent durchgeführt wird, darauf weisen vorläufige Ergebnisse einer Umfrage von ver.di unter betrieblichen Interessenvertretungen hin (noch bis 3.7. können betr. Interessenvertretungen die Umfrage ausfüllen.

Darauf aufbauen kann dann die konsequente Planung und Umsetzung von Präventionsmaßnahmen und Gewaltvermeidungskonzepten, die Qualifikation zur Deeskalation, Notfallsysteme und Nachsorgekonzepte. Solche Maßnahmen werden jedoch nach den Ergebnissen der Umfrage zwar in vielen Einrichtungen teilweise, aber längst nicht allen vollständig umgesetzt.

Die Möglichkeiten der betrieblichen Mitbestimmung über den Arbeits- und Gesundheitsschutz und hier insbesondere die Gefährdungsbeurteilungen waren deshalb ebenfalls Thema im Seminar. Wichtig war hier auch die Verknüpfung mit möglichen tariflichen Lösungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz, die die Möglichkeiten der Interessenvertretung erheblich erweitern können.

Deutlich wurde jedoch auch: alle Einzelmaßnahmen, technischen Hilfsmittel, Qualifikationsbemühungen und Notfallkonzepte bleiben Stückwerk, wenn das Setting nicht stimmt, welches zur Gewaltvermeidung beitragen kann:

  • Um in der stationären Psychiatrie gewaltarme Stationsmilieus zu ermöglichen, braucht es vernünftige bauliche Lösungen, insbesondere übersichtliche Stationsgrößen. Dies widerspricht der heute üblichen Rationalisierungs- und Kosteneinsparungslogik.
  • Nur wenn der Personalschlüssel den Anforderungen gerecht wird, können Beschäftigte Patient_innen in (beginnenden) Krisen rechtzeitig auffangen und deeskalierend wirken bzw. dafür sorgen, dass Aggressionen möglichst gar nicht entstehen. Ohne genug Personal droht Psychiatrie zur Krisenfeuerwehr und Verwahranstalt zu werden, wodurch wiederum vermehrte Aggressionen ausgelöst werden können.
  • Nicht zuletzt ist das Vermeiden von Aggressionen eine Haltungsfrage. Fachlich gut qualifiziertes Personal muss die Möglichkeit haben und dazu ausgebildet sein, Patient_innen in ihrer Individualität wahrzunehmen und mit ihnen zu interagieren. Auch dafür sind ausreichende Personalschlüssel, gute Qualifizierung und ein wertschätzendes Arbeitsklima unerlässlich.

Gewalt gegen Beschäftigte führt nicht nur zu Verletzungen und Traumatisierungen bei Kolleg/innen, sondern im Umkehrschluss auch zu vermehrten Zwangsmaßnahmen und der Anwendung von Gewalt gegen Patient/innen; sie kann im Umkehrschluss auch ausgelöst sein von der als gewaltförmig empfundenen Setting der Einrichtung. Gerade deshalb war der Austausch am zweiten Tag mit Dr. Elke Prestin als psychiatrieerfahrener Kommunikationswissenschaftlerin besonders wichtig. In einem intensiven Gespräch konnten die Beschäftigtenvertreter_innen wichtige Einblicke in die Perspektive der Betroffenen gewinnen.

Die ver.di-Bundesfachkommission Psychiatrische Einrichtungen arbeitet an weiteren Aktivitäten und Publikationen zu diesem wichtigen Thema. Um Arbeitssicherheit auch in diesem Punkt mit System durchzusetzen, brauchen wir gut informierte und aktive Interessenvertretungen, aber auch die Mobilisierung von Beschäftigten in einer starken Gewerkschaft.

ver.di-Mitglieder finden weitere Materialien zum Thema und zur ver.di-Arbeit in Psychiatrischen Einrichtungen im Mitgliedernetz.

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