Krankenhaus

Nicht mehr bitten und betteln

Krankenhaustagung 2016

Nicht mehr bitten und betteln

Die Arbeitsbelastung in den Kliniken macht die Beschäftigten selbst krank. Das belegt der Fehlzeitenreport der AOK, den Mitherausgeber Markus Meyer am Donnerstag (10. November 2016) bei der ver.di-Krankenhaustagung in Berlin vorstellte. Die mehr als 300 anwesenden Betriebs- und Personalräte sowie Mitarbeitervertreter/innen sahen sich dadurch in ihrem Ziel bestärkt, sich für die Entlastung der Kolleginnen und Kollegen einzusetzen.

Der Befund des diesjährigen AOK-Fehlzeitenreports ist eindeutig: Beschäftigte in allen Bereichen des Gesundheitswesens sind häufiger und länger krank als andere Erwerbstätige. Muskel- und Skeletterkrankungen, vor allem aber psychische Leiden sind in den Belegschaften der Krankenhäuser und Pflegeheime ein noch größeres Problem als anderswo. Der Grund liegt auf der Hand: die schlechten Arbeitsbedingungen. Befragungen hätten gezeigt, dass psychische Belastungen in den meisten Fällen unmittelbar mit der Arbeitssituation zusammenhängen, erläuterte Meyer vom Wissenschaftlichen Institut der AOK.

Bernhard Badura von der Uni Bielefeld nannte den überdurchschnittlich hohen Krankenstand in Gesundheitseinrichtungen ein »Organisationsversagen«. Wenn 30 Prozent aller Pflegekräfte von Burnout betroffen seien, sei dies nicht deren persönliche Verantwortung. Eine große Rolle spielten Betriebsklima und Vorgesetzte. Die Klinikleitungen müssten für eine gute Unternehmenskultur und Gesundheitsschutz sorgen– auch in ihrem eigenen Interesse, betonte der Professor. »Denn gesunde Arbeitnehmerinnen sind bessere Arbeitnehmerinnen.« Eine Kultur, in der die Leistungen der Beschäftigten nicht wertgeschätzt würden, führe zu höheren Fehlzeiten, geringerer Produktivität und Qualitätsverlusten.

Volker Mörbe vom Klinikum Stuttgart sprach sich in der Diskussion dafür aus, vor allem die Verhältnisse und nicht das individuelle Verhalten in den Blick zu nehmen. Gebe es permanent zu viel Arbeit für zu wenige Beschäftigte, könne sich keine gute Unternehmenskultur entwickeln. Eine Kollegin aus der Heidelberger Uniklinik betonte, dass es den Geschäftsleitungen fast nur noch um wirtschaftliche Kennzahlen gehe, nicht mehr um eine bestmögliche Versorgung. »Jeder weiß, wie schlimm die Situation ist«, sagte Katja Georgiadis aus Hessen zu den von den Wissenschaftlern präsentierten Zahlen. »Aber keiner tut etwas dagegen.« Das dürften die Pflegenden nicht länger hinnehmen. »Wir wehren uns, wir gehen jetzt auf die Straße«, so die Gewerkschafterin.

Genau dafür hatte zuvor Sylvia Bühler vom ver.di-Bundesvorstand geworben. »Der Zeitpunkt ist gekommen, den Arbeitgebern zu zeigen: Wir werden nicht mehr um Anerkennung und Wertschätzung bitten und betteln, sondern wir verschaffen uns jetzt Respekt«, erklärte die Leiterin des ver.di-Fachbereichs Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen. Mit vielen Aktivitäten habe es die Gewerkschaft geschafft, die Personalnot in den Krankenhäusern auf die öffentliche und politische Agenda zu setzen. Dafür werde sie auch im Bundestagswahlkampf weiter Druck machen. Doch auch die Arbeitgeber dürften nicht aus der Verantwortung entlassen werden. Hier setzt die Tarifbewegung für einen Tarifvertrag Entlastung an.

»Ein solcher Tarifvertrag wird nicht alle Probleme lösen«, stellte Bühler klar. »Aber wir können viel bewegen – wenn wir bundesweit und trägerübergreifend zusammenhalten.« Sie verwies auf eine Aussage des Berliner Arbeitsgerichts zum Streik der Charité-Beschäftigten im vergangenen Jahr, das feststellte: »Die unternehmerische Freiheit des Arbeitgebers endet dort, wo der Gesundheitsschutz der Mitarbeiter beginnt.« Entlastung könne daher durchaus Ziel von Tarifverhandlungen und – falls nötig – von Arbeitskämpfen sein. Jetzt gelte es, die Belegschaften mit aller Energie für die Forderungen nach mehr Personal, verlässlichen Arbeitszeiten und Belastungsausgleich zu mobilisieren, so Bühler. Bei den in Berlin versammelten Interessenvertretern stieß sie damit ganz offensichtlich auf Zustimmung.

Daniel Behruzi