Krankenhaus

»Jetzt kommt alles zusammen«

Interview

»Jetzt kommt alles zusammen«

Ohnehin knappes Personal, weitere Ausfälle durch Grippeerkrankungen, Ansturm durch Patientinnen und Patienten aus der Region – Klinikum Augsburg sagt elektive Operationen ab. Ein Gespräch mit Renate Demharter, Fachärztin für Notfallmedizin und Personalrätin am Klinikum Augsburg.
Portrait von Ärztin ver.di Dr. Renate Demharter

In den Krankenhäusern der Republik ist das Chaos ausgebrochen: Angesichts der Grippewelle stehen noch weniger Beschäftigte zur Verfügung als sonst. Wie ist die Lage in Augsburg?

Ziemlich prekär. Das Klinikum Augsburg ist als einziger Maximalversorger für fast ganz Bayerisch-Schwaben zuständig. Außerdem gibt es in der Region noch Kreiskrankenhäuser, die allerdings auch schon in den vergangenen Monaten Personalengpässe hatten und den Rettungsdienst des Öfteren nach Augsburg weiter geschickt haben. Das Augsburger Klinikum soll Uniklinik werden und um das Budget für diesen Übergang aufzuhübschen, wurde zuletzt noch stärker beim Personal gespart. Jetzt kommt alles zusammen: Ohnehin knappes Personal, weitere Ausfälle durch Grippeerkrankungen sowie der Ansturm durch Patient/innen aus der Region und aus Augsburg selbst haben das Fass zum Überlaufen gebracht.

Pflegekräfte berichten aus vielen Kliniken, dass die OP-Programme trotz der Ausfälle voll durchgezogen werden. Wie ist es bei euch?

Mit den Streiks für einen Tarifvertrag Entlastung haben wir durchgesetzt, dass in einer betrieblichen Kommission mit dem Vorstand über die Personalausstattung gesprochen wird. Tarifverhandlungen darf es ja nicht heißen, weil der kommunale Arbeitgeberverband dies untersagt. In der betrieblichen Kommission haben wir besprochen, dass Intensivbetten gesperrt werden, für die nicht mehr genug Personal zur Verfügung steht. In der Folge mussten wir bereits einige elektive, also geplante Operationen absagen, weil das post-operative Intensivbett nicht zur Verfügung stand. Notfallpatientinnen und -patienten werden selbstverständlich jederzeit aufgenommen und intensivmedizinisch versorgt.

Die Absage elektiver Eingriffe hat in den regionalen Medien und der Politik einigen Wirbel verursacht. Was sagst du zu denjenigen, die diese Maßnahme kritisieren?

Wir hatten im Rahmen der Diskussion über die Personalbemessung auch eine Vollversammlung der Ärztinnen und Ärzte. Dabei war die einhellige Meinung: Wir können es nicht verantworten, Patient/innen zu operieren, wenn sie postoperativ nicht adäquat versorgt werden können. Die Verantwortung den Patient/innen gegenüber zwingt uns leider dazu, diejenigen abzuweisen, die sich nicht in einer akuten Notfallsituation befinden. Es muss nach einer OP eine angemessene Weiterversorgung garantiert sein, alles andere wäre verantwortungslos.

Die Ärztinnen und Ärzte am Klinikum Augsburg haben sich kollektiv »schuldig bekannt«. Wozu?

Wir haben uns dazu »schuldig bekannt«, dass wir die ohnehin überlastete Pflege zusätzlich belasten. Es besteht ein großer Druck, insbesondere betriebswirtschaftlich lukrative Operationen durchzuführen – auch wenn dafür nicht genug Kapazitäten zur Verfügung stehen. Das trägt zur Überlastung aller folgenden Abteilungen bei: von der Intensivstation über den Aufwachraum und die Intermediate Care bis hin zu den Normalstationen, wo Patient/innen landen, die dort eigentlich noch nicht hingehören. Das Pflegepersonal ist oft so überlastet, dass wir es auch aus ärztlicher Sicht nicht mehr verantworten können, ihnen diese schwerkranken Patient/innen zusätzlich aufzuladen.

Haben die Ärztinnen und Ärzte den Entscheidungsspielraum, das anders zu machen?

Die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, mit befristeten Verträgen, sind ihren Chefs mehr oder weniger ausgeliefert und können wenig dagegen tun. In Augsburg hat sich aber die Argo gegründet – die »Arbeitsgemeinschaft der Oberärzte«. Wir haben unbefristete Verträge und sind gesuchte Fachkräfte. Wir könnten jederzeit woanders hingehen. Aber das wollen wir nicht. Stattdessen melden wir uns kollektiv zu Wort. Wir machen klar, dass wir hinter der Pflege stehen und die Kommerzialisierung des Gesundheitswesens ablehnen. Wir bekennen uns zu unserer ärztlichen Verantwortung und stellen uns schützend vor unsere Patientinnen und Patienten.

Das Grundproblem ist doch, dass die Krankenhäuser ökonomisch gezwungen sind, möglichst viel zu operieren.

Das stimmt. Jedes Krankenhaus will möglichst viele »Fälle« mit einer möglichst hohen Gewinnspanne operieren. So versucht es, die fehlenden Investitionen – die die Länder ihnen vorenthalten – wieder hereinzuholen. Häuser der Maximalversorgung, wie Augsburg, dürfen niemanden abweisen und nehmen viele Notfälle auf. Die lukrativen Fälle kommen dann noch »on top«, also zusätzlich ins Programm. In einer Situation wie jetzt führt das dazu, dass es einfach nicht mehr geht. Deshalb haben wir in der betrieblichen Kommission gefordert, die elektiven Operationen abzusagen. Ich habe große Hochachtung vor unserem ärztlichen Direktor, dass er dem nachgekommen ist. Die Sicherheit der Patientinnen und Patienten muss jederzeit vorgehen.

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