Behindertenhilfe

Kein Tarifvertrag beim Paritäter - Beschäftigte wehren sich

Behindertenhilfe

Kein Tarifvertrag beim Paritäter - Beschäftigte wehren sich

Beschäftigte der Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit in Wilhelmshaven wehren sich gegen ungleiche und schlechte Bezahlung. Schon fünf Warnstreiks. Urabstimmung wird vorbereitet

Volker Behrends-Hude hat sie noch erlebt, die guten Zeiten. Als Tarifverträge noch die Regel waren. Als Wohlfahrtsverbände noch den Anspruch hatten, auch ihre Beschäftigten gut zu behandeln. 1997 hat der gelernte Raumausstatter und Erzieher bei der Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit in Wilhelmshaven angefangen. Damals galt noch ein Haustarifvertrag, der besser war als der BAT, der Flächentarif des öffentlichen Dienstes. »Das war wie ein Sechser im Lotto«, sagt Behrends-Hude. Doch jetzt ist alles anders.

Seit mittlerweile 14 Jahren gibt es keinen Tarifvertrag in der zum Paritätischen Wohlfahrtsverband Niedersachsen gehörenden Gesellschaft mehr. Dauerhafte Lohnerhöhungen hat der Gruppenleiter in einer Werkstatt für behinderte Menschen seither nicht mehr erhalten, höchstens mal eine Einmalzahlung. Die Neueingestellten unter den rund 1.200 Beschäftigten sind noch schlechter dran. Sie verdienen zum Teil mehrere hundert Euro monatlich weniger als ihre älteren Kolleginnen und Kollegen. »Diese Ungerechtigkeit wollen wir nicht länger hinnehmen«, erklärt Behrends-Hude, der sich als ver.di-Vertrauensmann engagiert. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder hat sich seit 2014 mehr als verdoppelt. »Bei uns in der Werkstatt sind wir fast zu 100 Prozent organisiert«, so der Gruppenleiter.

Schon fünf Mal haben die Beschäftigten die Arbeit niedergelegt. Sie wollen, dass ihr Arbeitgeber endlich mit ver.di verhandelt. Doch dieser weigert sich beharrlich. Stattdessen bietet er »Runde Tische« an, bei denen die Angestellten ihre Meinung sagen können. »Die Geschäftsleitung bestimmt die Themen, das Prozedere, alles. Mit Verhandlungen auf Augenhöhe hat das nichts zu tun«, kritisiert Behrends-Hude. Empörend findet er, dass sich ausgerechnet der Paritätische Wohlfahrtsverband gegen einen Tarifvertrag sperrt. Sonst prangere der Verband soziale Ungerechtigkeit und Armut an. Doch mit der schlechten Bezahlung sorge er selbst dafür, dass ein Teil seiner Beschäftigten in der Rente Sozialleistungen beziehen müsse.

Auf diesen Widerspruch wiesen auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer bundesweiten ver.di-Tagung zur Behindertenhilfe Mitte Juni in Göttingen hin. In ihrer Solidaritätsresolution heißt es: »Es ist ein Skandal, dass der Paritätische Landesverband Niedersachsen eurem Arbeitgeber noch den Rücken stärkt, indem er sich mit profitorientierten Altenpflegekonzernen und geldgierigen Reha-Finanzinvestoren in eine Reihe stellt gegen Tarifverträge.«

Um die Blockade zu brechen, will ver.di nun versuchen, die Politik mit ins Boot zu holen. »Wenn sich der Arbeitgeber dennoch nicht bewegt, müssen wir den Druck erhöhen«, betont ver.di-Sekretärin Petra Ducci-Eiklenborg. Dann werden die Gewerkschaftsmitglieder in den 60 Einrichtungen zur Urabstimmung über einen Erzwingungsstreik aufgerufen. Damit in Wilhelmshaven endlich wieder Sicherheit und Gerechtigkeit einkehren.

(Daniel Behruzi)

Infos: www.vl-gps.de

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