Altenpflege

Ziel: Maximalrendite. Finanzinvestoren in der Altenpflege

Altenpflege

Raubritter in der Pflege

Aus viel Geld noch viel mehr Geld machen. Das ist der Daseinszweck von Hedgefonds und anderen Finanzinvestoren. Dafür kaufen sie Unternehmen, treiben den Aktienwert in die Höhe und verkaufen sie meist nach wenigen Jahren gewinnbringend weiter. Dieses Geschäftsmodell ist längst nicht mehr auf die Privatindustrie beschränkt. Auch das Gesundheits- und Sozialwesen wird zunehmend zum Spielball kurzfristiger Profitinteressen – besonders die Altenhilfe, wie die geplanten Verkäufe der Betreiber Vitanas und Alloheim demonstrieren.

Auf dem »Pflegemarkt« geht es um viel Geld: Jährlich werden rund 23 Milliarden Euro in der stationären und weitere elf Milliarden Euro in der ambulanten Pflege ausgegeben. Tendenz: immer weiter steigend. Einen wachsenden Teil dieses Kuchens schneiden sich private Unternehmen ab, die insbesondere seit Einführung der Pflegeversicherung 1995 in die Branche drängen. So stieg der Anteil privatwirtschaftlicher Betriebe zwischen 1999 und 2015 von 43,7 auf 52,3 Prozent. In der ambulanten Pflege dominieren private Firmen mit 64 Prozent den Markt, bei Pflegeheimen liegt der Anteil mit 41 Prozent etwas niedriger.

Doch privat ist nicht gleich privat. Derzeit sind es vor allem ausländische Großkonzerne und Finanzinvestoren, die hierzulande expandieren. Global agierende Fonds, die stets weltweit auf der Suche nach hochprofitablen Anlagemöglichkeiten sind, haben deutsche Pflegeeinrichtungen für sich entdeckt. Bei der Wirtschaftsberatungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers liest sich das so: »Die Transaktionsdynamik in der Pflege wird weiterhin insbesondere durch drei Käufergruppen getrieben: Ausländische Strategen, Finanzinvestoren und Immobilieninvestoren.«

Ein Beispiel ist die Korian-Gruppe, die unter anderem von französischen Versicherungen und einem kanadischen Rentenfonds getragen wird. Durch diverse Übernahmen – zuletzt erwarb Korian 2016 den Pflegeheimbetreiber Casa Reha von der Beteiligungsgesellschaft Hg Capital – versechsfachte die Gruppe ihren Umsatz binnen zehn Jahren auf rund drei Milliarden Euro. 2021 sollen es schon 3,8 Milliarden sein. Im Interview mit der Branchenzeitschrift Care Invest betont Korian-Chef Ralf Stiller zwar, angesichts des Fachkräftebedarfs wolle man »der attraktivste Arbeitgeber der Branche werden«. Doch schon im nächsten Satz fordert er, die Fachkraftquote von 50 Prozent in Pflegeheimen aufzuweichen – also die Personalkosten durch den Einsatz schlechter qualifizierter Kräfte zu senken, was den Druck auf alle Beschäftigten erhöhen würde.

Hintergrund ist der enorme Renditedruck, den die Investoren den Unternehmen auferlegen. Mit 14,1 Prozent (2016) liegt die Umsatzrendite (EBITDA) von Korian deutlich über der Marge vieler Industriekonzerne. Vor allem aber geht es den Finanzjongleuren darum, den Wert der Firmen durch Übernahmen und Neubauten zu steigern (im Branchejargon »Buy-and-Build«) – um sie teurer weiter verkaufen zu können. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass die sogenannten Private-Equity-Fonds Unternehmen schon nach durchschnittlich vier bis fünf Jahren wieder veräußern. Neben der Expansion setzen die Firmen in dieser Zeit oft Programme zur Kostensenkung um, zum Beispiel durch Outsourcing, Arbeitsverdichtung oder Tarifflucht. All das steigert den Verkaufspreis – auf Kosten von Beschäftigten und pflegebedürftigen Menschen.

Infokasten Renditedruck

Der Renditedruck von Private-Equity-Gesellschaften auf Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, hat zwei Ursachen: Zum einen erwarten die Kapitalgeber eine Mindestrendite – die sogenannte »Hurdle Rate«. Zum anderen wollen aber auch die Manager der Beteiligungsgesellschaft viel verdienen. Sie erhalten erstens eine pauschale Verwaltungsgebühr, die sich an der Höhe der verwalteten Gelder bemisst (»Management Fee«). Die zweite, wichtigere Komponente sind die »Carried Interests«: Die Manager werden am Weiterverkaufserlös der Unternehmen beteiligt, wenn dieser die »Hurdle Rate« übersteigt. In Deutschland lag die »Management Fee« 2016 bei durchschnittlich 1,9 Prozent; die »Carried Interests« beliefen sich auf 19,8 Prozent. Die »Hurdle Rate«, also die Mindestverzinsung des eingesetzten Kapitals, lag im Durchschnitt bei 7,9 Prozent. Wenn sie nicht über die »Hurdle Rate« kommen, gehen die Fondsmanager bis auf die Verwaltungsgebühr leer aus. Sie versuchen daher mit allen Mitteln, die Rendite in die Höhe zu treiben. Letztlich werden all diese Gewinne den Unternehmen entzogen. (Quelle: Scheuplein et al.: Private Equitiy Monitor 2016, Hans-Böckler-Stiftung, April 2017)

Inzwischen werden Unternehmen immer öfter von einem Finanzinvestor an den nächsten weitergereicht (»Secondary Buyouts«). Aktuelles Beispiel: Alloheim. Erst 2013 hat die US-Beteiligungsgesellschaft Carlyle die Pflegeheimkette vom britischen Konkurrenten Star Capital übernommen. Und nun soll Alloheim mit ihren rund 14.500 Beschäftigten laut Medienberichten schon wieder verkauft werden. Zuvor hatte der Betreiber seinen Umsatz durch diverse Übernahmen auf 291 Millionen Euro erhöht und dabei einen Gewinn von 32,4 Millionen Euro abgeschöpft (2015). Wie viel Carlyle für den Verkauf einstreichen wird, ist nicht bekannt. Es dürften jedoch mehrere hundert Millionen Euro sein.

In einer ähnlichen Größenordnung bewegt sich die Übernahme des Berliner Pflegeheimbetreibers Vitanas. In der Belegschaft herrsche derzeit große Verunsicherung, sagt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Vitanas GmbH und Co.KGaA, Harald Hahne. Denn das Unternehmen mit insgesamt rund 4.600 Beschäftigten soll an die US-Investmentgesellschaft Oaktree verkauft werden. Der bisherige Eigentümer Nikolai Burkart wird nach dem Deal um hunderte Millionen Euro reicher sein. Die Beschäftigten machen sich hingegen Sorgen. »Die von solchen Investoren üblicherweise geforderte Rendite liegt weit über dem, was das Unternehmen abwirft«, erklärt Betriebsrat Hahne.

Beschäftigte mit Protestschildern und Trillerpfeifen privat Protestaktion von Vitanas-Beschäftigten

Schon jetzt sei die Personalausstattung extrem schlecht, berichtet er. Teilweise seien in den Einrichtungen mehr Leasingkräfte als Stammbeschäftigte tätig. Ein Grund dafür ist die miserable Bezahlung. Seit 2004 gelten Tarifverträge nur noch in der Nachwirkung. Das heißt: Neu Eingestellte haben keinen tariflichen Schutz; die Kolleginnen und Kollegen haben schon seit vielen Jahren keine reguläre Lohnerhöhung mehr erhalten. Die Gehälter liegen um bis zu 1.000 Euro pro Monat unter denen anderer Einrichtungen. Kein Wunder, dass Vitanas große Schwierigkeiten hat, Fachkräfte zu finden und zu halten.

Bereits der bisherige Eigentümer von Vitanas hat also eher auf kurzfristigen Profit gesetzt statt auf eine nachhaltige Entwicklung des Unternehmens. Mit dem für seine »risikobetonte Anlagestrategie« bekannten Hedgefonds Oaktree dürfte das kaum besser werden, auch wenn erste Gespräche mit dem Betriebsrat konstruktiv verlaufen sind. Die Belegschaften befürchten, der Investor könne es vor allem auf lukrative Immobilien abgesehen haben. ver.di und der Gesamtbetriebsrat haben den Berliner Senat deshalb in einem Schreiben aufgefordert, der Zweckentfremdung von Pflegeimmobilien einen Riegel vorzuschieben. Eine Reaktion blieb bislang allerdings aus.

Vorbild ist in dieser Hinsicht Hamburg. Vor genau zehn Jahren wurde das bis dato städtische Unternehmen »Pflegen und Wohnen« vom damaligen CDU-Senat verkauft – je zur Hälfte an die Andreas-Franke-Gruppe und den Vitanas-Eigentümer Burkart. Ein Jahrzehnt durften sie die Einrichtungen nicht weiterverkaufen. Kaum ist diese Frist abgelaufen, soll auch »Pflegen und Wohnen« an Oaktree gehen. Die SPD-Grünen-Koalition in der Hansestadt betont zwar, dass sie den Verkauf nicht verhindern könne. Sie hat aber durch baurechtliche Beschlüsse dafür gesorgt, dass an den 13 Standorten nur Pflegeheime betrieben werden dürfen – und nicht etwa Luxusimmobilien entstehen. »Alten- und Pflegeeinrichtungen sollten keine Spekulationsobjekte sein«, begründet Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) den Schritt. Die Hamburger Bürgerschaft fordert zudem, dass die neuen Eigentümer »den bestehenden Haustarifvertrag übernehmen und die Tarifpartnerschaft fortsetzen«.

Unmittelbar nach der Privatisierung 2007 konnte bei »Pflegen und Wohnen« von Tarifpartnerschaft keine Rede sein. Schon kurz nach der Übernahme stiegen die neuen Betreiber aus den Tarifverträgen aus. »Die Kolleginnen und Kollegen waren stinksauer«, erinnert sich der Betriebsratsvorsitzende Rolf In der Stroth. Viele traten bei ver.di ein. Nach 42 Streiktagen setzten die Beschäftigten schließlich einen Haustarifvertrag durch. »Seither läuft es bei uns gut«, sagt der Betriebsrat. Da der Tarifvertrag Grundlage der Pflegesatzverhandlungen sei, bekomme der Träger die Kosten erstattet.

»Jetzt fragen sich manche: `Müssen wir das noch einmal durchstehen?´«, berichtet In der Stroth. Doch durch die Auseinandersetzung 2012 habe die Belegschaft viel Selbstbewusstsein getankt. »Wir haben gezeigt, dass man sich auch gegen profitorientierte Investoren durchsetzen kann. Wenn nötig, werden wir das wieder tun.«

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Gewinnmaximierer auf dem Vormarsch