Altenpflege

Übernahmewelle in der Pflege

Finanzinvestoren

Übernahmewelle in der Pflege

Die Welle von Übernahmen deutscher Pflegeheime durch Finanzinvestoren geht weiter. Neuestes Beispiel: Firmengründer Ulrich Marseille verkauft einen Großteil der MK-Kliniken AG an den französischen Private-Equity-Fonds Chequers Capital. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung übernimmt der Fonds 46 Pflegeheime mit etwa 4.000 von insgesamt knapp 5.000 Beschäftigten. Zumindest in einigen Häusern wurden bislang weder sie noch die Betriebsräte darüber informiert, ob sie von dem Deal betroffen sind und was er für sie bedeutet

Dem Bericht zufolge wurden die Kaufverträge bereits Ende Juli 2017 unterzeichnet. Ende Oktober solle das Geld fließen. Und zwar viel Geld: Dem Vernehmen nach zahlt Chequers Capital 300 Millionen Euro sowie weitere 200 Millionen Euro für Immobilien. Das ist mehr als das Doppelte des Jahresumsatzes der MK-Kliniken, der im Geschäftsjahr 2015/2016 bei 214 Millionen Euro lag. Mit dem Geld will wiederum Ulrich Marseille auf Einkaufstour gehen: Er kündigte an, eine »Beteiligungssparte« aufzubauen und sich in Gesundheitsunternehmen im In- und Ausland einzukaufen. Das Karussell aus kaufen und (teurer) verkaufen wird sich also weiterdrehen.

Was bedeutet all das für die der Kolleginnen und Kollegen in den MK-Kliniken? Einerseits wird der neue Eigentümer alles daran setzen, den Kaufpreis wieder reinzuholen. Das geht letztlich nur auf Kosten der Beschäftigten und Bewohner/innen. »Andererseits«, sagt die ver.di-Sekretärin Agnes Westerheide, die für die MK-Häuser Barbaraneum in Bochum und Flora Marzina in Herne zuständig ist, »ist kaum vorstellbar, dass es für die Beschäftigten noch schlimmer wird als es ohnehin schon ist«.

In beiden Ruhrgebietshäusern hat das MK-Management in den vergangenen Jahren mittels konstruierter Vorwände versucht, aktive Betriebsräte loszuwerden – und dabei den als »Betriebsratsfresser« bekannten Anwalt Helmut Naujoks eingesetzt. Die Arbeitsgerichte entschieden zwar allesamt im Sinne der Beschäftigten, doch Naujoks und Co. geht es vor allem darum, die Interessenvertreter zu zermürben. »Jahrelanges Mobbing, immer neue Abmahnungen und Kündigungen – Ziel ist, dass die Leute irgendwann aufgeben, weil sie nicht mehr können«, erklärt Agnes Westerheide.

Die Gewerkschafterin sieht durchaus einen Zusammenhang zum nun bekannt gewordenen Verkauf des Unternehmens: »Es ging vermutlich darum, die Braut hübsch zu machen. Ohne engagierte Betriebsräte kann man die Häuser sicher teurer verkaufen.« Die gekündigten Betriebsräte hätten sich stets konsequent für die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen eingesetzt. »Das stört bei der Profitmaximierung«, ist Agnes Westerheide überzeugt. In den meisten anderen MK-Kliniken gibt es ohnehin keine betriebliche Interessenvertretung.

Dass die Pflegeheime möglichst viel Gewinn abwerfen sollen, geht nicht nur zu Lasten der Beschäftigten, sondern auch der Bewohnerinnen und Bewohner. Das hat das »Team Wallraff« 2014 in einer RTL-Reportage über unhaltbare Zustände in Einrichtungen der MK-Kliniken (damals Marseille-Kliniken) aufgedeckt. Statt auf die Vorwürfe einzugehen, versuchte das Unternehmen, die Sendung in einem jahrelangen Rechtsstreit verbieten zu lassen. Jetzt schickte das »Team Wallraff« erneut eine Undercover-Reporterin in das zum MK-Konzern gehörende Pflegehaus Berlin-Kreuzberg. Ergebnis: An der unwürdigen Behandlung der Bewohner/innen infolge des Personalmangels hat sich nichts Grundlegendes geändert.

»In der Pflege muss es um die Menschen gehen. Doch stattdessen spielen immer häufiger Profitinteressen die zentrale Rolle«, betont Sylvia Bühler vom ver.di-Bundesvorstand in einer Pressemitteilung. Die Altenpflege werde zunehmend zum Spekulationsobjekt von Finanzinvestoren und Großkonzernen. Die kommende Bundesregierung müsse diese für pflegebedürftige Menschen und Beschäftigte gefährliche Entwicklung unterbinden. »Profitgier hat im Gesundheitswesen nichts zu suchen.«

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