Altenpflege

»Alltag: Arbeit im Akkord«

Altenpflege

»Alltag: Arbeit im Akkord«

Susanne Apfelbaum ist Alten­pflegefachkraft und stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. Sie hat in Briefen an die Politik und in Radiointerviews auf das Pflegedesaster aufmerksam gemacht. Hier berichtet sie aus ihrem Arbeitsalltag.

Am meisten fehlt mir Zeit in meinem Arbeitsalltag. Der Druck ist so exorbitant hoch auf uns Pflegekräfte! Ich arbeite in einem offenen Wohn­bereich mit dementen Bewohner/in­nen. Wir sind größtenteils zu dritt, davon zeitweise eine Auszubildende. Ich komme morgens um sechs zum Dienst, es folgt eine kurze Übergabe. Um 8 Uhr muss eine von uns das Frühstück machen, Kaffee und Tee kochen, Brote schmieren, mundgerecht zerteilen. Dabei müssten wir das als Fachkräfte gar nicht. Diese Kollegin fällt also eine ganze Zeit als dritte Kraft für die Pflege aus. Um Menschen zu mobilisieren oder ­aktivieren, brauche ich aber Zeit. Ich muss jeden einzelnen Schritt beim Aufstehen anleiten, vom Aufsetzen bis zum Schuh anziehen. Das geht mit dementen Menschen nur in Ruhe. Wenn ich mich aber nicht beeile, müssen die anderen Kolleg/in­nen darunter leiden. Ich stehe also jeden Tag vor einem Gewissens­konflikt, habe immer die Uhr im Nacken. Neben der eigentlichen Pflege, neben Medikamente, Essen und Getränke verteilen, Anrufe entgegennehmen, Betten beziehen und Wäsche auffüllen, bleibt uns nichts anderes übrig, als dass wir etwas reinigen und am Wochenende sogar den Müll entsorgen – obwohl das nicht zu unserem Berufsbild gehört. Weil wir oftmals ohne Pause arbeiten und einspringen müssen, fallen regelmäßig Kolleg/innen aus. Was, wenn es einen Notfall gibt? Arbeit im Akkord ist unser Alltag.

Dem Arbeitgeber ist das durchaus bekannt. Aber der verweist auf die Politik und schiebt die Verantwor­tung ab. Das ist auch der Grund, warum ich nun an die Öffentlichkeit gegangen bin. Ich glaube, dies und sich gemeinsam als Beschäftigte zur Wehr zu setzen, sind die Möglich­keiten, etwas zu bewegen. Uns allen muss klar sein: Gefährliche Pflege kann man gar nicht vermeiden, wenn man ständig unter Zeitdruck arbeitet. Unsere Auszubildende kann ich gar nicht anleiten, ich bin darauf angewiesen, dass sie alles von ­alleine richtig macht. Wir haben hier weglaufgefährdete und sturzgefährdete Bewohner/innen. Doch ich kann nur in einem Zimmer sein – das sind bei 24 Menschen zu viele Zimmer, in denen bei Bedarf niemand sein kann. Ich bin gezwungen, Sturzgefähr­dete allein auf der Toilette zu lassen, wenn ein anderer Bewohner klingelt und ich nachsehen muss, was los ist.

Ich habe bereits Überlastungs­anzeigen geschrieben, und versuche, meine Kolleg/innen zu motivieren, das auch zu tun. Aber dies hat nur die Konsequenz, dass man ins Schussfeld des Arbeitgebers gerät. Eine Auszubildende wurde deshalb gleich von zwei Vorgesetzten in die Mangel genommen! Das ist ein Spiel mit der Angst.

Die Ursache all dieser Probleme ist der gewinnorientierte Pflegemarkt. Es kann nicht gutgehen, wenn Betriebswirtschaftlichkeit im Alten­heim an erster Stelle steht. Daraus folgen dann zu knappe Besetzungen, befristete Verträge, zu wenig Lohn. In den Medien heißt es dabei, es gebe nun mehr Geld für die Pflege. Was für ein Hohn. Ich kann und will und werde dieses System so nicht mehr mittragen. Das ist menschenunwürdig! Gemeinsam aktiv werden, das ist das Gebot der Stunde!

  • 1 / 3

Weiterlesen